Augenblicke der Liebe
Nun sieh mal einer hin: Die Diva ist nackt. Na ja, fast, fleischfarbene Unterwäsche verbirgt die vulnerablen Passagen ihres Körpers. Dennoch erinnert die Eingangsszene stark an eine biblische Erzählung – an Susanna im Bade. Der Unterschied: Nicht zwei notgeile Richter schauen unerlaubt zu, sondern fast 2000 Menschen im Saal, die völlig legal eine Eintrittskarte erworben haben. Gleichwohl ist es schon erstaunlich, wie ungeschützt sich Sonya Yoncheva in jenem Zaubergarten, den Rufus Didwiszus auf die Bühne der Wiener Staatsoper gepflanzt hat, zahllosen Blicken freigibt.
Anscheinend vertraut sie dem Regiekonzept. Und allein wie Susanna ist sie auch nicht. Eine luftig gewandete Schar von Blumenmädchen umgibt die Königstochter. Nur dass das hier nicht der weihevolle «Parsifal» ist, sondern eine lyrische, zehn Jahre später komponierte Oper aus Russland – allerdings eine mit Allusionen an Wagners «Tristan». Da liegt sie also im Bade, weiß aber gar nicht, dass andere sie (an)sehen. Iolanta ist blind, ihre Wahrnehmung der Welt eine grundsätzlich differente. Zu leiden scheint sie daran auch in Evgeny Titovs Inszenierung keineswegs. Anmutig singend, entsteigt die Königstochter (die aber nicht ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 15
von Jürgen Otten
Nicht wenige Opernkomponisten (und keineswegs nur diejenigen, die lediglich eines geschrieben haben, wie Beethoven) werden auf ein einzelnes Werk reduziert. Bei Carl Maria von Weber etwa denkt jeder sofort an den «Freischütz». «Oberon», «Euryanthe» und «Silvana» hingegen fristen ein trauriges Schattendasein. Camille Saint-Saëns wird wohl noch in 100 Jahren als...
Von dem französischen Maler und Graphiker Pierre Soulages ist ein Satz überliefert, der in knapp-konzisen Worten das Selbstverständnis eines Künstlers beschreibt: «Es ist das, was ich mache, was mich lehrt, wonach ich suche.» Auch für Pascal Dusapin besitzt diese sublime Sentenz Gültigkeit; kaum zufällig stellte er sie seinem Essay «Das Empfindsame komponieren»...
Wer ein Weltreich regiert, ist mitunter selten zu Hause. Für Philippe II. galt dies im Besonderen, der spanische König tat sich schwer, sein Imperium zusammenzuhalten. Der Aufstand in den Niederlanden machte ihm ebenso zu schaffen wie die verlustreichen Auseinandersetzungen mit England und jener Langzeitkrieg gegen Frankreich, der 1559 schließlich beendet werden...
