Augenblicke der Liebe
Nun sieh mal einer hin: Die Diva ist nackt. Na ja, fast, fleischfarbene Unterwäsche verbirgt die vulnerablen Passagen ihres Körpers. Dennoch erinnert die Eingangsszene stark an eine biblische Erzählung – an Susanna im Bade. Der Unterschied: Nicht zwei notgeile Richter schauen unerlaubt zu, sondern fast 2000 Menschen im Saal, die völlig legal eine Eintrittskarte erworben haben. Gleichwohl ist es schon erstaunlich, wie ungeschützt sich Sonya Yoncheva in jenem Zaubergarten, den Rufus Didwiszus auf die Bühne der Wiener Staatsoper gepflanzt hat, zahllosen Blicken freigibt.
Anscheinend vertraut sie dem Regiekonzept. Und allein wie Susanna ist sie auch nicht. Eine luftig gewandete Schar von Blumenmädchen umgibt die Königstochter. Nur dass das hier nicht der weihevolle «Parsifal» ist, sondern eine lyrische, zehn Jahre später komponierte Oper aus Russland – allerdings eine mit Allusionen an Wagners «Tristan». Da liegt sie also im Bade, weiß aber gar nicht, dass andere sie (an)sehen. Iolanta ist blind, ihre Wahrnehmung der Welt eine grundsätzlich differente. Zu leiden scheint sie daran auch in Evgeny Titovs Inszenierung keineswegs. Anmutig singend, entsteigt die Königstochter (die aber nicht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 15
von Jürgen Otten
Streiter für Tugend, heil’ge Kraft, himmlische Taube, der Vater einst reiner Tor, dann Gralsretter – wer’s glaubt. So edel all dies von Klaus Florian Vogt wieder vorgetragen ist, mit seit einiger Zeit erstaunlich stabilen dramatischen Werten, es bleibt doch eine Lüge, zumindest ein (Sich-)Zurechtbiegen der Wirklichkeit. Darüber kann auch Lohengrins Gesang nicht...
Der Teufel mag es ungebärdig und ein wenig billig. Das ist seine Welt, da kennt er sich aus. Er mag den Zinnober, zündet Flämmchen an und hetzt die Masse auf, in der Hölle nur noch das Wort «Hass» zu skandieren. Ein schlimmes Wort, das hier noch gefährlicher zischt als sonst schon. Ein Tierlaut – sieht man davon ab, dass Tiere nicht hassen. In einer der schönsten...
Zwei Königinnen. Durch beider Adern fließt, wiewohl in unterschiedlicher Konsistenz, kobaltblaues Tudor-Blut, mithin der uneingeschränkte Wille zur Macht. Viel mehr als diese Neigung aber verbindet die Frauen nicht. Weder der Glaube (sei es der an Gott, den Allmächtigen, ans Leben selbst oder an die Liebe) noch die Weltanschauung. Maria Stuart, Schottlands...
