Aufstand im Notstand

Die Oper Dortmund bringt unter verschärften Bedingungen Daniel-François-Esprit Aubers selten gespielte Revolutionsoper «Die Stumme von Portici» auf die Bühne

Der Ausnahmezustand, in den das Coronavirus die Welt katapultiert hat, sorgt auch in den Theater- und Opernhäusern für nie dagewesene Situationen. Und für Wortschöpfungen, die den Ausnahmefall bezeichnen. «Geisterpremiere» ist solch eine Neuschöpfung. Oder «Geisterkonzert». Angesprochen wird hier eine Art Simulation des Ernstfalls: Veranstaltungen, die zwar stattfinden, aber mit Absicht ihren eigentlichen Sinn verfehlen – nämlich ein leibhaftig anwesendes Publikum zu erreichen.

Eine solche Geistervorstellung war – wenige Tage vor dem republikweit verfügten Verbot von Versammlungen – in der Oper Dortmund zu erleben: Daniel-François-Esprit Aubers selten gespielte «Stumme von Portici». Nur einige Vertreter der Presse waren im Saal zugelassen.

Musiktheater ist bekanntlich eine Kunstform, in der im besten Fall sehr vieles zusammenfindet: Regie, Bühnenbild, Licht, Kostümgestaltung, Chor, Orchester, Solisten, Dirigent – sie alle müssen an einem Strang ziehen. Dafür läuft der hochkomplexe Apparat eines Opernhauses während der Endproben auf Hochtouren; das Ziel: alle Gewerke und Disziplinen auf die Sekunde präzise zu verzahnen. Daher gilt für die letzten Proben stets: Ende offen!

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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Regine Müller

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