Apostel der anderen Avantgarde

Leif Segerstam hinterlässt vor allem als Dirigent ein epochales Vermächtnis

Opernwelt - Logo

Der korpulente, sein kindlich-treuherziges Antlitz hinter einem Rauschebart verbergende Leif Segerstam unterschied sich schon rein äußerlich von allen anderen Meistern des Taktstocks; die Ähnlichkeit mit Brahms wurde von den Plattenlabels höchst dankbar ausgeschlachtet, US-Amerikaner sahen Santa Claus in ihm, und wer sich in Finnland ein wenig auskannte, den erinnerte er an Runensänger aus Lappland oder an die weltfremde Erscheinung eines Frans Eemil Sillanpää, des Nobelpreisträgers für Literatur.

Da sein Name zudem für eine symphonische Überproduktion stand, die zuletzt mit 370 Gattungsbeiträgen nebst ebenso vielen anderen Werken zu Buche schlug, erntete er in der Musikszene zwangsläufig Spott. Der wäre eventuell leichter zu ertragen gewesen, wenn die stereotypen Diffamierungen nicht sein wahres Profil vernebelt hätten: Segerstam war auch künstlerisch ein Unikum, eine inkommensurable Größe unter den Dirigenten unserer Tage; er besaß die Gabe, die auratische, idiomatische Individualität von Musikwerken zu gestalten. In seinen besten Momenten gelangen ihm, bei voller Kontrolle der klanglichen und emotionalen Balance, Deutungen von geradezu verstörender Intensität. Konzertbesucher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2024
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Volker Tarnow

Weitere Beiträge
Schuld und Sühne

Das Wort prangt in großen Leuchtbuchstaben auf der Rückwand des zweistöckigen, aus farbigen Leuchtkästen gefügten Kubus: «Innocence». Für die deutsche Premiere der gleichnamigen Oper von Kaija Saariaho hat Bühnenbildnerin Ines Nadler diesen Würfel auf die Bühne des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier platziert. Zehn Schülerinnen und Schüler sowie ein Lehrer...

TV, Streams, Kino 11/24

arte
03.11. – 17.40 Uhr
Das Requiem von Fauré im Pariser Panthéon
Ein besonderer Ort für ein besonderes Konzerterlebnis: Das Panthéon bildet die beeindruckende Kulisse für Gabriel Faurés Meisterwerk «Le Requiem», aufgeführt vom Orchestre de Chambre de Paris unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Es ist das erste Konzert des Dirigenten in seinem Amt als...

«Immer seiner Stimme folgen»

Wie kamen Sie zur klassischen Musik?
Ich erinnere mich nicht mehr, was meine Inspiration war, ich weiß nur, dass ich als Kind zwei Dinge wollte: ein Klavier und einen Hund. Beides habe ich bekommen.

Beides? Sonst ist es doch immer so, dass Eltern sagen: entweder, oder?
Ich habe beides bekommen und bin dann 17 Jahre beim Klavier geblieben. Obwohl es ein Leidensweg...