Anverwandlungen
Seien wir ehrlich. Bei einem Blindtest hätten viele von uns vermutlich falsch gelegen. Kaum jemand kennt das Stück, und auch mit Werden und Wirken seines Schöpfers sind nur Eingeweihte vertraut. Was betrüblich ist, allein wegen dieser einen Szene in Benjamin Godards «Les Guelfes» von 1882, Jeannes Vision. Ein Psychogramm der entflammten Frau, acht Minuten lang, genügend Zeit, um divergenteste Gemütszustände zu streifen, und dies mit einer atemraubenden, verstörenden Intensität.
Zunächst ist da nur eine Vorahnung inmitten blühender Klanglandschaften (Hervé Niquet und das Münchner Rundfunkorchester «untermalen» exzellent), ein leiser Zweifel: «Nichts möge mein Entzücken stören, dennoch zittre ich», singt Godards weibliche Hauptfigur mit dem beziehungsreichen Namen Jeanne; an den nervösen Zuckungen der melodischen Linie, am Vibrieren der Singstimme kann man ersehen, wie unruhig sie ist. Zu Recht. Mehr und mehr verwandelt sich das espressivo dolce als Inbegriff naturhafter Schönheit in ein Gefühl des Ausgeliefertseins, weicht die Seelenfreude der Seelenbetrübnis. Wogegen sich Jeanne mit ungestüm ausgreifenden Kantilenen, passioniert, ja geharnischt zur Wehr setzt. Sturm und Drang, nur ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Otten
Entwickelt sich die Karriere nicht wie erhofft, suchen die Stars nach Auswegen – Rolando Villazón schreibt Romane, José Cura dirigiert, beide inszenieren. Dass der Hype um Cura noch funktioniert, zeigt die Begeisterung des Publikums an der Oper Bonn, wo der einst voreilig zum «Tenor des 21. Jahrhunderts» hochgejubelte Sänger ein gern gesehener Gast ist. Jetzt hat...
Händels Heldinnen, die Mutterrollen ausgenommen, sind anders. Sie sind autarker, stärker, stolzer als all jene Besiegten, Verratenen und Verkauften, die Catherine Clément einst besang (und dies mit der steilen These verband, die Oper sei ein Ort, an dem die Vernichtung der Frau beinahe ritualhaft zelebriert werde). Sind erhaben wie Rodelinda, widerborstig wie...
Ulrich Schreiber brach schon 2006 im letzten Band seines «Opernführers für Fortgeschrittene» eine Lanze für Samuel Barbers «Vanessa», indem er meinte, dass dessen «in erweiterter Tonalität angelegte Musik ... dem psychologisierenden Kammerspiel mehr als nur einen klangsinnlichen Rahmen zu geben» vermöge. Gleichwohl sollten noch einige Jahre vergehen, bis diese...
