Anverwandlungen
Seien wir ehrlich. Bei einem Blindtest hätten viele von uns vermutlich falsch gelegen. Kaum jemand kennt das Stück, und auch mit Werden und Wirken seines Schöpfers sind nur Eingeweihte vertraut. Was betrüblich ist, allein wegen dieser einen Szene in Benjamin Godards «Les Guelfes» von 1882, Jeannes Vision. Ein Psychogramm der entflammten Frau, acht Minuten lang, genügend Zeit, um divergenteste Gemütszustände zu streifen, und dies mit einer atemraubenden, verstörenden Intensität.
Zunächst ist da nur eine Vorahnung inmitten blühender Klanglandschaften (Hervé Niquet und das Münchner Rundfunkorchester «untermalen» exzellent), ein leiser Zweifel: «Nichts möge mein Entzücken stören, dennoch zittre ich», singt Godards weibliche Hauptfigur mit dem beziehungsreichen Namen Jeanne; an den nervösen Zuckungen der melodischen Linie, am Vibrieren der Singstimme kann man ersehen, wie unruhig sie ist. Zu Recht. Mehr und mehr verwandelt sich das espressivo dolce als Inbegriff naturhafter Schönheit in ein Gefühl des Ausgeliefertseins, weicht die Seelenfreude der Seelenbetrübnis. Wogegen sich Jeanne mit ungestüm ausgreifenden Kantilenen, passioniert, ja geharnischt zur Wehr setzt. Sturm und Drang, nur ...
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Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Otten
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Wie man heute noch Opern schreibt – darauf gibt Aribert Reimann seit 50 Jahren seine eigene Antwort. Zum postmodernen Musiktheater Hans Werner Henzes hält er die gleiche Distanz wie zu den Konzepten der Avantgarde. Reimann verteidigt eine Position des Personalstils, wie sie im Musiktheater um 1900, bei Debussy, Janáček oder Schönberg, eine kurze Blüte erlebte.
Was...
