Allzu schönes Grauen
Es hätte ein aufwühlendes Stück Musiktheater werden können: die Geschichte eines infolge einer Hirnschädigung im frühen Kindesalter geistig zurückgebliebenen Mannes, der sich, so der Titel der Fallstudie des Neurologen Oliver Sacks, als «ein wandelndes Musiklexikon» erweist. Mit dem Tod der Eltern beginnt der Abstieg des bis dato behüteten Mannes, der schließlich die Einweisung in eine psychiatrische Klinik zur Folge hat.
Allmählich findet sein Arzt heraus, dass Musik, insbesondere Wagners «Parsifal» und Bachs «Matthäus-Passion», diesen Mann «heilen» kann, dass Singen und Chorleitung schon für den jungen Autisten (Über-)Lebenselexier war. Sein Vater hatte ihm jahrelang nicht nur den «New Grove» vorgelesen, sondern auch immer wieder mit dem Jungen Schallplatten gehört, und ihm – als Mitglied der Met – aus Opern vorgesungen. Viele Gesangspartien kannte Martin daher auswendig, aber auch Namen und Straßenzüge, die er nur einmal gelesen hatte. Mit einer Apotheose auf den Text des «Magnificat» endet denn auch die fünfundsiebzigminütige Kammeroper Thomas Bartels strahlend affirmativ und opulent.
Karg dagegen der Beginn mit den Herzschlägen des Patienten, der im mit grauem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wer den Namen José María Usandizaga noch nie gehört hat, braucht sich dieser Bildungslücke nicht zu schämen und hat doch etwas verpasst – was er jetzt nachholen kann. Der Schüler von Vincent d’Indy wurde mit seiner ersten Oper «Mendi Mendiyan» (Hoch in den Bergen), die 1910 in Bilbao ihre erfolgreiche Uraufführung erlebte, zum musikalischen Herold der baskischen...
Anfangs wollt‘ man fast verzagen. Es war, als entfalte sich das Vorspiel zu «Tristan und Isolde» bei Marko Letonja und dem Sinfonieorchester Basel nicht recht. Zu viel Stückwerk, keine Linie – vor allem aber: kein Sehnen, keine Not, kein Geheimnis und um jenen Tick zu rasch, der verhindert, dass man sich in Richard Wagners Ausdruckswelt einnisten kann. Dafür...
Stockhausen ist einer der großen Pioniere der elektronischen Musik. Seine Platten werden in England unter der Sparte Pop verkauft, und so manche berühmte Band hat sich besondere Effekte beim großen Meister abgelauscht. Wer Pink Floyd oder The Mothers of Invention liebt, wird sich auch in den Klängen von Stockhausen zurechtfinden. Für mich war die Begegnung mit...
