Agonie des Realen
Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper «Dialogues des Carmélites» schien damals ihres religiösen Sujets wie ihrer weitgehend tonalen Musik wegen aus der zeitgenössischen Entwicklung herauszufallen. Heute erweist sich das wieder häufiger gespielte Stück als eigenständiges Ausnahmewerk in der Nachfolge von Debussys «Pelléas et Mélisande». Seine scheinbar untheatralische Handlung kann eine fast traumatisierende Wirkung entfalten.
Das von Poulenc selbst eingerichtete Libretto beruht auf dem gleichnamigen Schauspiel von Georges Bernanos, der seinerseits Gertrud von Le Forts Erzählung «Die Letzte am Schafott» dramatisiert hat. Zugrunde liegt eine Episode aus der Französischen Revolution: die Vertreibung der Karmeliterinnen von Compiègne aus ihrem Kloster und ihre Hinrichtung als Glaubensmärtyrer im Juli 1794, elf Tage vor dem Ende des terreur der Jakobiner. Verbunden ist dieses Ereignis mit der von Le Fort erfundenen Geschichte der Blanche de la Force, die in den Orden eintritt, um ihre quälende Daseinsangst zu überwinden. Nach der erzwungenen Auflösung und Verfolgung des Ordens sucht Blanche in ihrem ehemaligen Vaterhaus Zuflucht als Magd; als sie hört, dass ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Seine Miene konnte mürrisch sein, sein Ausdruck melancholisch. Ein düsterer Charakter? Im Gegenteil. «Heiter, umgänglich, vergnügt und von Natur aus buffonesk». So beschreibt Giuseppe Carpani Joseph Haydn. Carpani, Zeitgenosse des Komponisten, Literat und Musikinfizierter, hat mit Haydn vierhändig gespielt und nach dessen Tod einen Band mit fiktiven Briefen...
Bei den großen Sängern der jüngeren Vergangenheit sind zwei Typen zu unterscheiden: die historischen und die zeitlosen. Lisa della Casa, die vor einigen Monaten ihren 90. Geburtstag feierte, gehört zu der zweiten Kategorie. Hört man sich ihre Aufnahmen an, so ist man immer wieder überrascht von der Frische ihrer Stimme und der Gegenwärtigkeit ihrer...
Das ganze Drama, die ganze Tragik steckt in drei Takten. Wenn man den Sextaufschwung und den fallenden Sekundschritt abzieht, mit denen die Celli, pianissimo, auf jenen berühmten Akkord hinleiten, den Wagner ins Zentrum seiner symphonisch flutenden «Handlung in drei Aufzügen» stellt, sind es sogar nur zwei Takte, die gleich zu Beginn das fatale Glück Tristans und...
