«Zur Besinnung kommen»
Die Entstehungsgeschichten von «Krieg und Frieden» als Roman und als Oper weisen verblüffende Parallelen auf. Als Tolstoi begann, schwebte ihm eine Familienchronik mit Happy End vor. Die Dynamik jener historischen Periode, in der er das Geschehen ansiedeln wollte, führte aber zur allmählichen Weitung der Perspektive aufs große Ganze: Napoleons Russlandfeldzug, der nationale Abwehrkampf, seine Katastrophen und Umwälzungen, Niederlage und Rückzug der Franzosen, samt allen historischen und militärischen Faktoren, die zu diesem Geschehen beitrugen.
Nicht anders Prokofjew: Er hatte eigentlich im Sinn, den Roman auf den Kern der «privaten» Handlung zuzuspitzen – eine Liebesgeschichte als Abfolge «lyrischer Szenen» im Sinne Tschaikowskys. Hier war es der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941, der alle Pläne umwarf. Die Parallele der Kriegshandlungen drängte sich auf; Stalin verlangte patriotische Ansprachen und Chöre, die Prokofjew nach und nach in das Werk einführte – was die ohnehin beträchtlichen dramaturgischen Probleme dieses gigantischen Opernromans potenzierte. Vollständig kam das Stück erst nach Prokofjews (und Stalins) Tod auf die Bühne. In beiden Fällen war es, als hätten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Ingo Dorfmüller
Dieses Heft berichtet, unter anderem, vom Spielzeitauftakt zwischen Berlin, London und New York. Und es schließt – das freut uns, war aber nicht vorherzusehen – an viele Aspekte an, die im Jahrbuch «Oper 2011» dominierten. Zunächst setzt sich einfach eine Tendenz fort: Köln und Frankfurt, derzeit die mutigsten und ideenreichsten Opernhäuser in Deutschland, wagen...
Es gehört zu den Unverständlichkeiten des Opernbetriebs, dass ein dramaturgisch so gut gebautes und musikalisch so brillantes Werk wie Emmanuel Chabriers Opéra bouffe «L’Étoile» bis vor Kurzem gänzlich vergessen war. Nach Genf, Berlin und Bielefeld hat nun auch die entdeckungsfreudige Oper Frankfurt das Stück rehabilitiert. Man hat keinen Aufwand gescheut, die...
Seit seiner Uraufführung an der New Yorker Metropolitan Opera im Dezember 1918 hat Puccinis Triptychon gemischte Reaktionen hervorgerufen. Nach der erfolgreichen Premiere wurden die Drillinge getrennt: «Gianni Schicchi», ursprünglich der heitere dritte Akt des Ganzen und als solcher gleichsam eine bombensichere Nummer, gedieh auch allein prächtig, während «Il...
