Zum Kunstwerk verdichtet

Gustav Mahlers «Lied von der Erde» bietet sich zur Reduktion förmlich an. Beleg sind eine Aufnahme von Reinbert de Leeuw sowie ein Abend an der Oper Stuttgart, bei der die Fassung von Arnold Schönberg und Rainer Riehn mit Elfriede Jelineks visionärem Text «Die Bienenkönige» konfrontiert wird

Bearbeitung heißt das Gebot der Stunde. Aber auf 90 Minuten gekürzte und orchestral drastisch reduzierte Mozart- oder Verdi-Opern sind nicht jedermanns Sache. Was im Moment die nackte Not diktiert, war freilich seit jeher Bestandteil der Aufführungspraxis. Die Notenbibliothek quillt über von Bearbeitungen, Arrangements, Paraphrasen, Reduktionen, Transkriptionen oder Variationen eigener wie fremder Werke – und dies im Œuvre aller Großen von Bach bis Sciarrino.

Für Busoni, neben Liszt einer der Meister der Klavierübertragung, war dieses Umgestalten eine «selbstständige Kunst», umgekehrt bereits der Vortrag einer Komposition eine Transkription.

Opernkomponisten mussten schon immer Kompromisse schließen. Wagner bestand während seines Exils einem Intendanten gegenüber darauf, dass im Orchester des «Tannhäuser» wenigstens zwei Bratschen mitspielten. Bei der Brünner Uraufführung von Janáčeks «Jenůfa» fielen nicht zu beschaffende Instrumente einfach weg. Die massivere Orchesterbesetzung der Spätromantik überforderte die Möglichkeiten kleinerer Bühnen. Selbstverständlich führten sie trotzdem in reduzierten Fassungen Wagners «Ring» oder Strauss’ «Salome» auf. Noch Gustav Mahler, der ...

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Opernwelt Januar 2021
Rubrik: Essay Mahler, Seite 40
von Uwe Schweikert

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