Zukunftsfinsternis
Aktualität nicht immer nur von Seiten der Regie, sondern auch von der Musik aus anzugehen, die musikalische Dramaturgie genauso zeitgenössisch zu denken wie die theatralische, bestimmt den diesjährigen Spielplan der Oper Stuttgart. In Verdis «Don Carlos» hatte Dirigent Cornelius Meister als Appetizer die von der russischen Protestgruppe Pussy Riot angeregte lautstarke «Pussy-Polka» des Komponisten Gerhard E. Winkler geschmuggelt. Im März steht Hans Zenders orchestrale Übermalung von Schuberts «Winterreise» auf dem Programm.
Ende Juni folgt Mascagnis «Cavalleria rusticana», die hier einmal nicht mit Leoncavallos «Pagliacci», sondern mit Salvatore Sciarrinos «Luci mie traditrici» gekoppelt wird.
Ein kühnes Experiment freilich ist der Versuch, Mussorgskys in der herben, offeneren Ur-Fassung gespielten «Boris Godunow» – von dem Andrej Rimsky-Korsakow (der Sohn des Komponisten) sagte, es sei «das weitblickende Auge des ahnungsvollen Volkes, gerichtet in die Finsternis der Zukunft» – mit Szenen aus dem postsowjetischen Alltag zu einer simultanen Erzählung zu verbinden. Der russische Komponist Sergej Newski hat aus dem Dokumentar-Roman «Secondhand-Zeit» der Literatur-Nobelpreisträgerin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Uwe Schweikert
Der König und seine Entourage waren not amused. Hatte Philippe Quinault im Textbuch für «Isis», die sechste tragédie en musique des Hofkomponisten Jean-Baptiste Lully, nicht – kaum verhüllt – das Liebesleben des «Roi Soleil» porträtiert? Wer mit den Usancen des französischen Regenten halbwegs vertraut war, erkannte sofort frappierende Parallelen zwischen Juno, der...
Der Raum habe für sie etwas «Flirrendes, Zittriges», sagt Regisseurin Barbara Frey. Das ist zweifelsohne richtig. Doch da, wo einem in einem Vexierbild die Augen ineinander übergehen, kehrt gleichzeitig Starre ein. Insofern ist Bettina Meyers Bühnenbild für Mozarts «Le nozze di Figaro» am Theater Basel in jeder Hinsicht bemerkenswert: Mehrere sich ins Unendliche...
Derart irisierend ereignen sich Richard Wagners utopische Augenblicke womöglich nur in Frankreich. Der Solo-Oboist des Orchestre National du Capitole beglaubigt das Bekenntnis zur Empathie so einfühlsam, er umspielt die Parsifal-Stimme des Nikolai Schukoff derart liebevoll («sehr zart» schreibt die Partitur für diese Pianissimo-Phrase vor), dass der durch Mitleid...
