Zukunftsfinsternis
Aktualität nicht immer nur von Seiten der Regie, sondern auch von der Musik aus anzugehen, die musikalische Dramaturgie genauso zeitgenössisch zu denken wie die theatralische, bestimmt den diesjährigen Spielplan der Oper Stuttgart. In Verdis «Don Carlos» hatte Dirigent Cornelius Meister als Appetizer die von der russischen Protestgruppe Pussy Riot angeregte lautstarke «Pussy-Polka» des Komponisten Gerhard E. Winkler geschmuggelt. Im März steht Hans Zenders orchestrale Übermalung von Schuberts «Winterreise» auf dem Programm.
Ende Juni folgt Mascagnis «Cavalleria rusticana», die hier einmal nicht mit Leoncavallos «Pagliacci», sondern mit Salvatore Sciarrinos «Luci mie traditrici» gekoppelt wird.
Ein kühnes Experiment freilich ist der Versuch, Mussorgskys in der herben, offeneren Ur-Fassung gespielten «Boris Godunow» – von dem Andrej Rimsky-Korsakow (der Sohn des Komponisten) sagte, es sei «das weitblickende Auge des ahnungsvollen Volkes, gerichtet in die Finsternis der Zukunft» – mit Szenen aus dem postsowjetischen Alltag zu einer simultanen Erzählung zu verbinden. Der russische Komponist Sergej Newski hat aus dem Dokumentar-Roman «Secondhand-Zeit» der Literatur-Nobelpreisträgerin ...
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Opernwelt März 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Uwe Schweikert
Man mag es kaum glauben, dass hinter der trostlosen Fassade mit dem bröckligen Mauerwerk und den verwitterten Fensterrahmen einmal Musikgeschichte geschrieben wurde. Immerhin verkündet eine Gedenktafel, dass ein gewisser Rihards Vāgners zwischen 1837 und 1839 in dem Haus als Dirigent und Komponist tätig war und dass außerdem 1842 Ferenzs Lists, 1844 Klāra...
Als Tatjana Gürbaca Ende 2008 in Mainz erstmals Jules Massenets Opéra-comique «Manon» inszenierte, stand über der Besprechung in dieser Zeitschrift: «Koks und Nutten». Gut zehn Jahre später hat die Regisseurin diesen Aufstieg und Fall einer Kurtisane in fünf Akten am Staatstheater Nürnberg erneut realisiert – und der alte Titel passt leider immer noch. Will...
Über seine wahre Herkunft lässt der rätselhafte Gralsritter Lohengrin das staunende Bühnenvolk wissen: « ... ein lichter Tempel stehet dort inmitten ...». Ein ganz anderes Erstaunen kennt der Opernbesucher in Chemnitz: Lohengrins Tempel, darf man fantasieren, wäre im Grunde genau hier zu verorten, an dem bei anbrechender Dunkelheit schimmernd bestrahlten Haus auf...
