Veronia Simeoni (Marguerite), Pavel Cernoch (Faust) und Alex Esposito (Mefistofele); Foto: Yasuko Kageyama
Zeitenlabyrinth
Ein junger Nerd (Faust) wird von den Mitschülern gemobbt, die ihre Attacken auch noch mit dem Smartphone aufzeichnen – während sie zum Rakoczy-Marsch herumtollen. In einer Serie von Flashbacks erinnert sich der gepiesackte Teenager, wie er während der Kindheit unter dem alkoholabhängigen Vater litt und von der Mutter mit selbstgebackenem Kuchen getröstet wurde. Er ist drauf und dran, dem Elend mit einer Überdosis ein Ende zu machen, als ein galanter Herr auftaucht und ihn mit allerlei Versprechen auf andere Gedanken bringt.
Nach und nach wird klar: Der Neuankömmling ist ein gewiefter Manipulator, der sein Opfer mit Technik blendet (per Steadicam zur Tiefenanalyse!) und mit einem zarten Mädel lockt, das Faust wie ein wahrgewordener Traum erscheint.
Durch Vor- und Zurückspulen entsteht ein schwindelerregendes Zeitlabyrinth – in Kulissen, so kalt und beklemmend wie ein Krankenhaus oder Labor. Als ein großflächiger Prospekt Marguerites Zimmer zu Lucas Cranachs «Paradies» überhöht, offenbart sich das Unvermeidliche: Der Versucher erscheint in grellem Schlangenaufzug und reicht dem Paar den roten Apfel. Zum finalen Höllenritt (der reine Wahnsinn) erscheinen alle, selbst Mephisto, ...
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Opernwelt Februar 2018
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Carlo Vitali
Leer der Raum und hell, von weißen Stoffwänden eingefasst. Zwar werden nach und nach altbürgerliche Holzmöbel in Dunkelbraun und massiver Faktur hereingetragen, dennoch lebt der japanische Salon, den Michael Levine auf die Bühne gezaubert hat, von lichter Transparenz. Dezent aufgetragen ist die couleur locale; sie beschränkt sich auf die authentisch wirkenden...
Sie wussten genau, was sie nicht wollten: eine Fortsetzung der «verjudeten», «verjazzten» Operette nämlich. Was allerdings genau an die Stelle der ungemein erfolgreichen Werke von Komponisten wie Emmerich Kálmán, Paul Abraham, Ralph Benatzky oder Friedrich Holländer treten sollte, dazu fiel den nationalsozialistischen Kulturfunktionären jenseits von ideologischer...
Vermutlich spielt sich das Ganze, wie die Regisseurin Tina Lanik es sich ausgedacht hat, in Tatjanas Kopf ab. Eine Leseratte, die bebrillte Nase dauernd in Büchern. Und durch ihr Leserattenzimmer, das Jens Kilian als riesigen Holzkubus gebaut hat, sind Wäscheleinen gespannt, an denen beschriebene Blätter hängen: Wer so viel liest, will auch schreiben, womöglich...
