Zarte Menschen gegen geile Götter

"La Calisto" an der Bayerischen Staatsoper als grellbunte und doch poetische Farce

Der Anfang befremdete wie immer, wenn David Alden den allegorischen Prolog einer frühbarocken Oper inszeniert: La Natura ist ein Mannweib am Filmprojektor, die Ewigkeit ein wasserköpfiges Monster, das Schicksal ein Riesenbaby.

Doch die verfließende, auf den Portalschleier eines rot glühenden Gebirges projizierte Slowmotion von Sally Matthews als Calisto deutete schon an: Neben Skurrilem und Schrillem findet auch Poetisches, Melancholisches und Menschliches seinen Raum in dieser frechen, sinnlichen Münchner Erstaufführung von Francesco Cavallis heute bekanntester und am häufigsten aufgeführten Oper «La Calisto» von 1751.  
Doch erst einmal platzt Jupiter in eine grellbunt gefügte Welt, die aus einem hippen Möbelkatalog stammen könnte: edles, geschwungenes Holzfurnier auf der einen, gelb-braune Tapetenstrukturen auf der anderen Seite. Am Boden und nahtlos in den Hintergrund übergehend rote, lilafarbene und schwarze Schlieren, an der Decke unzählige Badezimmerleuchten (Bühne: Paul Steinberg). Von verbrannter Erde (wie im Text) keine Spur. Nur Jupiter scheint sich im Anflug auf die Erde die Flügel verbrannt zu haben.
Doch Alden kommt es nicht auf Realismus an. Bald zeigt sich, wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2005
Rubrik: im focus, Seite 8
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
Weitere Beiträge
Laboratorium im Regenwald

Zwei Uhr früh. Der Himmel über Manaus ist schwarz. So schwarz wie das Wasser des Rio Negro, der sich an dem 1,5-Millionen-Nest mitten im Amazonasdschungel vorbeiwälzt. Fünfunddreißig Grad. Gefühlte Temperatur: fünfundvierzig Grad. Die Luft steht. Ein klebriges Gemisch, das so viel Feuchtigkeit mit sich zu führen scheint wie der mächtige Fluss, der an den Rümpfen...

Augsburg, Gounod: Roméo et Juliette

Es war sein Einstieg: Frisch aus Klagenfurt engagiert, dirigierte der 29-jährige Ungar Henrik Nánási als neuer Erster Kapellmeister mit «Roméo et Juliette» eine viel versprechende Erstaufführung: Staunenswert, zu welchen Farbmischungen der Bläser und Streicher er sein neues Orchester animierte, wie er Oberstimmen leuchten ließ, Übergänge weich modellierte,...

Dekonstruktion als Konstruktion

Man wüsste es ja wirklich gern, was den Zauber der Musik ausmacht, von dem alle sprechen. Fredrik Zeller auch, sagt er zumindest. Magie und Musik will er kombinieren und hat darum ein «Musiktheater» geschrieben – wie sich in letzter Zeit die neuen Werke für die Opernbühne gern nennen –, das den schönen Titel «Zaubern» trägt. Es wurde als Auftragskomposition der...