Zarte Menschen gegen geile Götter
Der Anfang befremdete wie immer, wenn David Alden den allegorischen Prolog einer frühbarocken Oper inszeniert: La Natura ist ein Mannweib am Filmprojektor, die Ewigkeit ein wasserköpfiges Monster, das Schicksal ein Riesenbaby.
Doch die verfließende, auf den Portalschleier eines rot glühenden Gebirges projizierte Slowmotion von Sally Matthews als Calisto deutete schon an: Neben Skurrilem und Schrillem findet auch Poetisches, Melancholisches und Menschliches seinen Raum in dieser frechen, sinnlichen Münchner Erstaufführung von Francesco Cavallis heute bekanntester und am häufigsten aufgeführten Oper «La Calisto» von 1751.
Doch erst einmal platzt Jupiter in eine grellbunt gefügte Welt, die aus einem hippen Möbelkatalog stammen könnte: edles, geschwungenes Holzfurnier auf der einen, gelb-braune Tapetenstrukturen auf der anderen Seite. Am Boden und nahtlos in den Hintergrund übergehend rote, lilafarbene und schwarze Schlieren, an der Decke unzählige Badezimmerleuchten (Bühne: Paul Steinberg). Von verbrannter Erde (wie im Text) keine Spur. Nur Jupiter scheint sich im Anflug auf die Erde die Flügel verbrannt zu haben.
Doch Alden kommt es nicht auf Realismus an. Bald zeigt sich, wie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Gut zwanzig Jahre nach seiner Emigration aus Deutschland besuchte Josef Tal mit seiner Frau Pola erstmals wieder seine ehemalige Heimatstadt Berlin: «Wir nahmen ein Taxi. Ich sperrte meine Augen weit auf – es wurde eine Geisterfahrt. Nach kurzer Zeit sagte ich zu Pola auf Hebräisch: ‹Du, der fährt uns spazieren, um eine größere Zeche rauszukriegen. Den Weg kenne...
Man vergisst es oft in den luxuriös besetzten Aufführungen großer Opernhäuser: dass Tschaikowskys «Eugen Onegin» eigentlich eine Oper über junge Menschen ist, dass die Geschwister Tatjana und Olga, die sich aus ihrer ländlichen Langeweile heraussehnen, noch echte Backfische und auch Lenski und Onegin kaum ein paar Jahre älter sind. An der Komischen Oper ist diese...
Dass Smetanas «Verkaufte Braut» nicht bloß eine buntböhmisch-sentimentale Folkloreangelegenheit ist, sondern eigentlich den ungehobelten Umgang mit dem vermeintlich schwächeren Teil der Menschheit anprangert, der vom vermeintlich stärkeren aufgrund von größeren Muskeln und neun Monaten gesteigerter Empfindlichkeit stets rücksichtslos ausgenützt wurde, haben schon...
