Wundertüte am Weserstrand
Die Welt, auch die der Oper, ist ungerecht. Während man den Großen stets, und sei es auch noch so kritisch, huldigt, führen die Kleinen meist ein Dasein im Schatten, sprich: Man bemerkt sie kaum. Doch gerade in den Darstellenden Künsten und hier insbesondere in der Oper liegt der große Gewinn in der Vielfalt. Und was das angeht, schauen die benachbarten Länder sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Es ist dies nach wie vor das Land mit der größten Theaterdichte weltweit. Und das berühmte deutsche Stadttheater gewissermaßen das Fundament dieses Reichtums. Diesen vor Ort in Augenschein zu nehmen, ist Anlass und Impuls für die Serie «Opernwelt auf Landpartie», in der wir in loser Folge und von A bis Z die kleineren Häuser porträtieren
Hübsch hier. Ein gepflegtes Quadrat auf gepflastertem Untergrund, mit zahlreichen Sitzbänken, riesigen Blumentöpfen, kleinen Pavillons samt Fähnchen, auf denen der Spruch «Viel Flut tut gut» zu lesen ist, mit jungen Bäumen und vielen Cafés und Gaststätten drum herum, die so poetische Namen wie «Marlene» oder «Burger & Bar – The place to B» tragen. Auch die dreistöckigen Wohn- und Geschäftshäuser rund um den Theodor-Heuss-Platz glänzen an diesem Nachmittag in der Sonne. Der Himmel ist eine taubenblaue Leinwand, über der mächtig meckernd einige Möwen kreisen.
Unterhalb von ihnen herrscht Gemütlichkeit, entspannte Ruhe. Nur vereinzelte Paare und Passanten flanieren über den Platz, in dessen Mitte, von den Zeiten sichtlich patiniert, jener Mann steht, dem die Stadt Bremerhaven ihre Gründung verdankt: Johann Smidt, Politiker und ehemaliger Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen, leider mit einigen antisemitischen Zügen, wie man liest. Am Zaun, der seine Statue umgürtet, haben Menschen Blumen und Kerzen für den ermordeten russischen Oppositionellen Alexei Nawalny sowie ein Foto von ihm aufgestellt. Eine rührende Geste.
Schweift der Blick des Besuchers weiter, trifft er auf ein ...
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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Reportage, Seite 60
von
Sie heißen Fürst Blangis, Präsident Durcet, Curval, einer ist schlicht der «Bischof». Irgendwann tauchen sie auf, als Figuren eines Skandalfilms, zwischen gefangenen Lust -knaben, Soldaten und gaffenden Menschen. Und schon bald ist nicht mehr klar: Was ist Realität? Was nur nachgestellt? Wobei es sich doch eigentlich um «Tosca» handelt – doch tut das an der...
Warum spuckst du mich an?», fragt Richard die aufgebrachte Anne, die Witwe des Prinzen Edward, den er auf dem Gewissen hat. Von ihrem Speichel getroffen, hat sich zuerst der Tänzer Richard zusammen -gekrümmt, der dessen Körper darstellt. Dann der Sänger, der wohl seine Seele verkörpert. Und zuletzt reagiert eben der Schauspieler, das Sprachrohr seines Intellekts....
Man könnte denken, diese Oper sei soeben erst in Moskau geschrieben und ins Deutsche übersetzt worden, um den in Russland stark verbreiteten Denunziationen zu entgehen. Denn der in Einsamkeit regierende Herrscher, der sich in Viktor Ullmanns «Kaiser von Atlantis» für eine Weile «zum besseren Regieren» zurückgezogen hat, das ist im Grunde Russland. Und der «Krieg...
