Wohnzimmerfest
Den nationalen Theaterpreis «Goldene Maske» öffentlich zu verleihen, wie es bislang 28 Mal üblich war, ist in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß in Russland um die starken emotionalen Reaktionen der Theatermacher und kann sich ausmalen, wie sie bei ihren Bühnenauftritten in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen den Krieg zum Ausdruck bringen würden. Deshalb fand die ganze Zeremonie vor leerem Saal im Musiktheater Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko statt, was dem Abend einen mehr als zweideutigen Charakter verlieh.
Dazu kam, dass die Preisträgerinnen und Preisträger «aus dem Haus» zugeschaltet wurden (entweder aus dem Theater selbst oder aus ihrer Wohnung) und in T-Shirts und Jeans nicht gerade feierlich anzusehen waren. Natürlich gebrauchte keiner von ihnen das verbotene Wort «Krieg» oder prangerte Putin an, aber oft fiel der Begriff der «schweren Zeiten»; man müsse «einen Rest seines Verstandes retten», und nur die Theaterarbeit verleihe die nötige Kraft, um zu «überleben». Der Liebling des Publikums, der Schauspielregisseur Dmitri Krymow (er ist in die USA ausgereist) bat darum, seinen Preis dem Nobelpreisträger Dmitri Muratow zu geben, damit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 7 2022
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Alexej Parin
Manchmal scheint das Problem zeitgenössischen Musiktheaters darin zu liegen, dass entweder zu viel, zu wenig oder – wie häufig – im Grunde gar nichts erzählt wird. Diese Problematik tritt im Zeichen von Christian Josts «Egmont» in der Deutschen Erstaufführung (2020 bestellt und uraufgeführt vom Theater an der Wien) in Bielefeld vollkommen in den Hintergrund. Jost...
Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der...
Wohl bei keinem Dirigenten der Gegenwart ist die Trennlinie zwischen Bewunderung und Ablehnung so scharf gezeichnet wie bei Teodor Currentzis. Die einen, zu denen bei aller Bescheidenheit auch Currentzis selbst zählt, halten ihn für einen charismatischen Magier, der ganze Orchester in Bewohner von Klangwunderkammern zu verwandeln weiß. Andere, nicht minder...
