Wilde Sinne, starre Götzen

Das Wuppertaler Opernhaus hat Wolfgang Fortners Bluthochzeit wieder auf die Bühne gebracht

Im Jahr 1946 spülte es den 20-jährigen Hans Werner Henze nach Heidelberg zu Wolfgang Fortner. «Fast zufällig hatte nach dem Krieg mein Weg mich nach Heidelberg geführt, einer Stadt, deren Zauber und Verträumtheit in Not geraten waren, von der Anwesenheit der wohlgenährten, gepanzerten Sieger bedrängt und in Frage gestellt. Dem mittellosen Schüler, der ich war, verschaffte Fortner ein Stipendium am Kirchenmusikalischen Institut. [...] Für mich war es die schönste Zeit des Sehen-Lernens, des Hören-Lernens, der Er-Klärung, der Hoffnungen.

»  1907 in Leipzig geboren, hatte Fortner seine Karriere schon vor dem Krieg begonnen. Von seiner fruchtbaren Sympathie für Schönberg und die Neue Sachlichkeit in den zwanziger Jahren oder der fatalen Sympathie für die braunen Machthaber, deren Partei er 1940 beitrat, dürfte Henze damals wenig gewusst haben. Für ihn war Fortner der unprofessorale Lehrer und Mittler der Moderne; ein Mann, der dafür sorgte, dass die Darmstädter Ferienkurse nach jahrelanger rassistischer Selektierung kein hessisches «Salzburg» wurden, sondern ein freies Forum für zeitgenössische Musik. Und den Umstand, dass auch Fortner seine Homosexualität im Nachkriegsdeutschland nicht ...

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Opernwelt März 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Michael Struck-Schloen

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