Wilde Schönheit

Juliane Banse und Martin Helmchen stellen die Erstfassung von Paul Hindemiths «Marienleben» vor

Der Kollege gab sich ziemlich ernüchtert. Die alte Fassung besitze doch eine «eigenartige, wilde Schönheit», urteilte Hans Werner Henze. An der neuen beklagte er die «Rückkehr zur Tonalität», weshalb der Urversion von Paul Hindemiths «Marienleben» aus dem Jahre 1923 unbedingt der Vorzug zu geben sei. Auch als Signal: Die junge Tonschöpfer-Generation habe seinerzeit deren «Wendungen und Klänge für Offenbarungen genommen».

Die meisten Interpretationen der 15 Lieder geben tatsächlich der Zweitfassung von 1948 den Vorzug, zuletzt Rachel Harnisch in ihrer hochgelobten Aufnahme (siehe OW 12/2017).

Die weiten Spreizungen der Gesangslinie in Hindemiths frühem Wurf, die fast bis zur Entkoppelung von Vokal- und Klavierpart reichende Konstruktion, mögen daran schuld sein. Eingängiger mag man die Überarbeitung nennen; direkter, kanalisierter trifft es wohl eher. Wenn Juliane Banse sich allerdings die Lieder in ursprünglicher Gestalt vornimmt, spürt man von diesen großen Anforderungen so gut wie nichts. Die Sopranistin, vor gar nicht so langer Zeit im Mozart-Fach eine Größe und auch als Eva, Arabella und Marschallin schon auf der Bühne, hat in der gemäßigten Moderne eine weitere Heimat ...

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Opernwelt November 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Markus Thiel