Wiegenlieder des Todes
Wer mit so populären Werken wie Faurés Requiem und dem noch bekannteren Mozarts gegen die diskographische Konkurrenz anzutreten wagt, muss Neues zu sagen haben. Für Raphaël Pichon wie für Thibaut Lenaerts trifft dies zu, kommen sie doch beide aus der historisch informierten Aufführungspraxis. Pichons Blick auf Mozarts Schwanengesang ist entscheidend geprägt durch die szenische Zusammenarbeit mit Romeo Castellucci – erstmals 2019 beim Festival d’Aix-en-Provence.
In Castelluccis bildkräftiger Vision wird die Totenmesse zur «Feier des Lebens» – mit dem tanzenden Chor als Hauptdarsteller. Diese emotionale, theatrale Kraft prägt auch die 2023 entstandene Studioaufnahme. Der mit 36 Sängerinnen und Sängern großbesetzte Chor von Pichons Pygmalion-Ensemble deklamiert mit einer sinnlichen Intensität, als säßen wir in der Oper. Die fiebrige Angst im «Dies irae» oder im «Confutatis» gleicht Hammerschlägen, um sich im «Voca me cum benedictis» oder dem «Lacrimosa» ins geheimnisvoll gespannteste pianissimo zu verflüchtigen. Pichon wählt durchweg extreme Tempi, etwa in der dramatisch dahinstürzenden «Kyrie»-Fuge, hält den Klang aber stets transparent und leicht, so dass selbst in den ...
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Opernwelt Januar 2025
Rubrik: Medien, Seite 26
von Uwe Schweikert
Glaubt man Herbert Grönemeyer, sind Männer vieles, vor allem aber eines: unersetzlich. Das kann man so sehen oder auch nicht. Tatsache aber, dass es in der Geschichte der Menschheit in erster Linie die Vertreter des vermeintlich «starken» Geschlechts waren, die Kriege führten, Massaker verübten und sich, milde ausgedrückt, auch an zahllosen Frauen in einer Weise...
Einige Zeit ist das her, 16 Jahre genau, als er vom Dirigenten ständig ausgebremst wurde. Zu viel Dampf, zu viel Dezibel: Nikolaus Harnoncourt musste sich mit seinem Idomeneo-Sänger bei der Grazer Styriarte erst ins Benehmen setzen, wie er einmal im persönlichen Gespräch erzählte. Das Ergebnis gab dem (damals auch inszenierenden) Maestro Recht: Ein Kreter-König mit...
Erinnerungen – manchmal sind sie so federleicht wie ein Schmetterling, manchmal tückisch wie ein Hinterhalt. Und nicht selten schleichen die Boten des Unbewussten, denen Marcel Proust in seinem epischen Roman «A la recherche du temps perdu» das vielleicht beeindruckendste literarische Denkmal gesetzt hat, weil er sie zur Kunstform selbst stilisierte, so heimlich,...
