Weichselwunder
Das Wort «Nationalkolorit» klingt hübsch, fast niedlich. Es muss erfunden worden sein von Menschen guten Willens, die das Nationale für eine äußere Farbe auf universellen Formen hielten. Sie glaubten, als hermeneutische Optimisten, an einen Hintergrund massiver Übereinstimmung, der einen Vordergrund massiver Buntheit zulässt. Doch die Zensoren von Zar Alexander II. wurden hellhörig, nachdem die Oper «Straszny Dwór» («Das Gespensterschloss») von Stanislaw Moniuszko im September 1865 in Warschau, damals russisch besetzt, zur Uraufführung gelangt war.
Das Libretto von Jan Checinski hatte die Zensur noch passieren können. Als harmlos erschien die Komödie über die zwei adligen Brüder Stefan und Zbignew, die lebenslange Junggesellenschaft schwören, um ihrem Vaterland zu dienen, aber auf einem Schloss, in dem es spuken soll, dann doch dem Charme der Schwestern Hanna und Jadwiga verfallen. Es gibt putzige Einfälle von alten Uhren, die nach Jahren der Stille wieder zu schlagen anfangen, und von Menschen, die aus alten Gemälden steigen, um im Schlosse nächtens umzugehen.
Doch die Musik von Moniuszko brachte eine andere Note ins Spiel: Tänze wie Polonaise, Mazurka, Krakowiak sowie ein ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jan Brachmann
Das Ende ist lebensbejahend und hoffnungsfroh, sprachlich allerdings kitschverdächtig: «Liebe hat den Friedensbogen über diese Welt gezogen, aller Schmerz ist aufgewogen, wenn ihr Hauch den Busen hebt. […] An des milden Königs Throne blüht die gold’ne Gnadensonne, leben Herrlichkeit und Wonne, strahlt sie in die weite Welt.»
Vielleicht ist Franz von Schobers...
Was eine Hypothese ist, hat wohl selten einer so schlüssig definiert wie Heinz Meier als Hoppenstedt in einem Sketch Loriots. «Hier wäre die Mitte gewesen ... wäre!», giftet er, nachdem ihm sein Duz-Feind Pröhl zwei Drittel des Kosakenzipfels weggegessen hat. Das hypothetische «Was wäre, wenn» ist ja auch das Um und Auf der Kunst – ja, es scheint, pauschal...
Manchmal muss auch der Musikkritiker zum Äußersten greifen – zum Beispiel zu der Presse-Werbe-CD mit ein paar Ausschnitten aus der Musik, die er eigentlich gerade im Theater gehört hat. Es ist, stellt er beim Nachhören fest, eine Musik von sanftem Schmelz und federndem Esprit, gemacht mit dem Willen und der Fähigkeit zu kunstvoller Einfachheit, zum feinen Sentiment...
