Wahnverwandtschaften
Die Oper ist nicht nur der spektakulärste Genre-Mix der Kulturgeschichte, sondern darüber hinaus janusköpfig wie keine andere Kunstform. Zwar steht am Anfang der antike Mythos (Orpheus, Daphne), später bei Wagner der nordische, doch zugleich ist das Musiktheater immer auch exemplarischer Ort des politisch-sozialen, ästhetischen, technischen Fortschritts: Seelenarchaik im Maschinenzeitalter – im Multimedia-Paradies Film künstlerisch wie massenwirksam verlängert und potenziert.
Doch was ist aus dem Urbild des Sängers Orpheus geworden? Offenbach hat ihn als «Unterwelt»-Besucher kräftig parodiert, Jean Cocteau in «Orphée» zur surrealistischen Filmikone transformiert. Stattdessen sind die Frauen auf der Bühne dominant geworden, nicht zuletzt als Todgeweihte, sei es als Femme fatale, sei es als Märtyrerin. Wobei Bühnenfigur und reale Sängerin ineinander changieren: Hoffmann-Offenbachs Antonia kann sich nur zu Tode singen, Maria Malibran tat dies in Manchester tatsächlich. Der große Maria Callas-Fan Werner Schroeter hat ihr 1971 in einem bewegenden Filmrequiem gehuldigt: «Der Tod der Maria Malibran».
Dass Tenöre, historische wie lebende, als Leinwandhelden taugen, belegten Leo Slezak und ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Essay, Seite 54
von Gerhard R. Koch
Donnerwetter! Allein dieser eine Mann würde genügen, der ersten polnischen «Meistersinger»-Aufführung seit fast 100 Jahren einen runden Erfolg zu bescheren: Frank van Hove ist als studierter Theologe und Philosoph der geborene Hans Sachs, und er singt ihn mit bewundernswert deutlicher Artikulation, bergseewasserklar, durchdringend, jederzeit auch schauspielerisch...
Beim Übergang zum fünften Akt von Massenets «Manon» tönt unerwartet die melancholische Reibeisenstimme von Serge Gainsbourg durch den Saal: «Manon, bestimmt weißt du nicht, wie sehr ich hasse, was du bist.» Dazu legt Zuzana Marková als Manon ihr Ballkleid ab, mit dem sie – jung, mondän, arrogant – die Pariser Gesellschaft bezaubert hat. Über die zerrissenen...
Oper oder Oratorium? Das ist hier nicht die Frage. Die Fakten sind eindeutig. Und besagen, dass «Saul», uraufgeführt am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket zu London, ein geistliches, typisch englisches Oratorium ist, in dem Georg Friedrich Händel, wie schon bei «Esther», «Deborah» und «Athalia», auf ingeniöse Weise Merkmale der italienischen Seria mit...
