Wahnsinn mit Methode

So opulent wie von Stéphanie d’Oustrac und dem Ensemble Amarillis wird die Affekt-Palette barocker Klangkunst selten ausgereizt

Musikalischen Bildern der Verrücktheit und des Wahnsinns hat die französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac ihr neues Album gewidmet. Das Außer-sich-Sein und die Liebe liegen in der Kunst wie im Leben nahe beieinander. In einer von La Fontaines Fabeln wird die personifizierte Tollheit, die ihrem Pendant, l’amour, im Streit das Augenlicht geraubt hat, von den Göttern dazu verdammt, auf ewig Führerin des Blinden zu sein.

Und so schmeichelt, seufzt, klagt und rast d’Oustrac denn als emblematische Verführerin mit einer breiten Affekt-Palette, die von der schwarzen Melancholie bis zum überdrehten Wahn und von der Euphorie bis zum Delirium reicht. Die Beispiele pflückt sie sich aus der europäischen Barockmusik – Opern, Kantaten, Liedern –, und die Flötistin Héloïse Gaillard steuert mit ihrem exzellent begleitenden Ensemble Amarillis die passenden Instrumental-Stücke bei, so gleich mit der einleitenden burlesken Sinfonia aus Reinhard Keisers Hamburger Singspiel-Pasticcio «Der lächerliche Printz Jodelet» oder mit John Eccles’ «Ground», bei dem der Wahnsinn sich im Endlos-Drehwurm des Ostinatos austobt.

Den Rahmen setzt d’Oustrac mit zwei Ausschnitten aus Opern von André Campra ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: CD des Monats, Seite 23
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Was kommt... September/Oktober 2020

Marina Abramović
Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich mit Leben und Wirken der ultimativen Primadonna assoluta. Nun realisiert die serbische Performance-Künstlerin in München ihr Opernprojekt «7 Deaths of Maria Callas». Mit Arien, die Callas unsterblich machten, sowie der Musik eines Landsmanns: des Komponisten Marko Nikodijević. Wir sind dabei 

Rebecca Ringst
Sie...

Zeichen und Wunder

Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische...

Unter dem Brennglas

Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Höher, schneller, weiter – das ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken galt bislang als gesellschaftskritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten...