Wachsfigurenkabinett

Verdi: Stiffelio Venedig / Teatro La Fenice

Ehebruch und Scheidung, ein verheirateter evangelischer Pastor und seine Gemeinde, ein en detail nachgestellter protestantischer Gottesdienst: Man könnte meinen, das sei mehr, als ein italienisches Opernpublikum um 1850 vertragen konnte, von der Zensur ganz zu schweigen. Tatsächlich wurde Verdis «Stiffelio» im damals österreichisch regierten Triest und Venedig nach einigen Änderungen ohne größere Opposition des örtlichen katholischen Klerus zur Aufführung gebracht – allerdings fand die Oper beim Publikum nur lauwarmen Anklang.

Unter den Namen «Guglielmo di Wellingrode» und «Aroldo» gingen später bereinigte Neufassungen über die Bühne, die nicht viel besser fuhren. Und so geriet Verdis Oper bald in Vergessenheit. Daran dürfte weniger die krause Handlung schuld sein – in dieser Hinsicht liegt «Il trovatore» vorn und war trotzdem viel erfolgreicher – als der relative Mangel an gassenhauerreifen Solonummern.

«Stiffelio» steht und fällt mit der Regie. Leider lieferte Johannes Weigand mit seiner blassen Inszenierung für La Fenice keine Offenbarung. In der Lagunenstadt war die Oper seit 1985 nicht mehr gespielt worden; damals entwarf der vielseitig begabte Giovanni Morelli eine gewagte, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2016
Rubrik: Panorama, Seite 55
von Carlo Vitali

Weitere Beiträge
Melancholie und Körperdampf

Oft saß er im Wirtshaus und notierte Gesprächsfloskeln, Sprechtonfälle, Satzmelodien, sog den mährischen Sprachklang ein wie ein Schwamm, ließ seine Kompositionen davon überfließen, begegnete dabei der seltsam «hinkenden» Sprechweise dieses Landstrichs, ihrem unorthodoxen Sprachrhythmus unendlich liebevoll. Atemlos hingefetzt manchmal die Notenschrift, in ihrer...

Irrlichtern im Labyrinth

Berlioz hatte kein Glück mit seinen Opern. «Benvenuto Cellini» wurde an der Pariser Opéra nach nur sieben Aufführungen abgesetzt, «Les Troyens» erst 1968, ein Jahrhundert nach dem Tod des Komponisten, vollständig realisiert. «Béatrice et Bénédict», sein letztes Bühnenwerk, fand 1862 bei der Uraufführung im Kurtheater von Baden-Baden freundliche Zustimmung, aber...

Traktat über die Zukunft der tonalen Musik

Franz Schmidts oratorisches Hauptwerk, «Das Buch mit sieben Siegeln», hat seinem Namen oft alle Ehre gemacht. Lieblings- und Problemstück in einem, wurde es früher gern mit Mozart-Tenören besetzt, die dieser Johannes-Passion eine lyrische Fragilität und enorme Subtilität abgewannen. So in dem legendären Salzburger Live-Mitschnitt mit Anton Dermota (1959 unter...