Ironischer Realismus
In «Andrea Chénier», seiner erfolgreichsten Oper, widmete sich Umberto Giordano wahrlich einem würdigen Gegenstand: Ein Dichter und politischer Aktivist gerät zwischen die Mahlsteine des Robespierre’schen Terrors und wird schließlich guillotiniert. Nicht nur die musikalisch einprägsame Faktur des Werkes – insbesondere der Titelpartie – und Illicas starkes Libretto lohnen den Besuch in Leeds: Die gut besetzte Neuproduktion der Opera North überzeugt auch dank einer intelligenten Inszenierung.
Joanna Parkers Ausstattung dient der Erzählung, ohne bloß Staffage zu sein.
Zunächst in dunklem, semi-modernem Stil gehalten, evozieren Bühne und Kostüme später in den Szenen um Intrige und Gerichtshof einen historischen Realismus. Häufig nutzt die Regisseurin Annabel Arden die Ausstattung als ironisch-kritischen Kommentar zu der romantischen Fabel: Die Gräfin de Coigny, die im ersten Akt ihren Diener Gérard feuert, weil dieser auf ihrem Fest einen Aufstand der Armen inszeniert, könnte ohne Weiteres einem Catwalk der Achtzigerjahre entsprungen sein, während Carlo Gérard und sein geschundener Vater eher an Gestalten aus der ITV-Serie «Downton Abbey» erinnern.
Die geradezu wagnerianische Fülle an ...
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Opernwelt März 2016
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Tom Sutcliffe
Er war ein bisschen aus der Zeit gefallen, als er kurz nach «Pelléas et Mélisande» und wenige Jahre vor «Salomé» mit einem Melodramma im Stil des 19. Jahrhunderts herauskam: Francesco Cileas «Adriana Lecouvreur», 1902 an der Mailänder Scala mit Angelica Pandolfini und Enrico Caruso uraufgeführt, geriet zum großen Schwanengesang der alten Oper. Eine historische...
Europa hat ausgedient. Die blaue Sternenflagge taugt nur mehr als Tischtuch, als Unterlage für fettige Pommes und ein Sixpack Bier. Hamlet und Ophelia sitzen, mampfen und würgen. Zu sagen haben sie sich nichts, das Angebot von früher – «Lass mich dein Herz essen, Ophelia» – interessiert nicht mehr. Die Geschichte: ein Schlachtfeld. Der Mensch: verloren in Trümmern....
Londons Nebel war notorisch. Aber er gab der Metropole an der Themse zugleich eine ganz spezielle Note, machte sie angeblich so unvergleichlich, dass nicht mal Flugzeuge abreisen wollten. So zumindest der Aphorismus eines Satirikers. Fog und Smog soll es schon im London des 13. Jahrhunderts gegeben haben; die Emission von schwefelhaltigem Rauch durch Kohleheizungen...
