Vorsicht, Rücksicht
Eine Schnellstreckenstunde nur liegen sie auseinander, die Bayerische Staatsoper und das zweitgrößte Haus des Landes, das Staatstheater Nürnberg. Dank Deutscher Bahn sind sie zusammengerückt – nun auch in Repertoirefragen. «Ring», «Zauberflöte», solche Dopplungen ergeben sich quasi von selbst. In dieser Saison pflegen beide Häuser zudem fast zeitgleich zwei Randgewächse. Fromental Halévys «La Juive» und «Les Indes galantes» von Jean Philippe Rameau stehen auf dem Spielplan, die Nürnberger liegen, zumindest zeitlich, vorn.
Zu «La Juive» haben die Franken außerdem eine besondere Beziehung. Halévys Vater stammt aus Fürth, aus jener Stadt, in der es seinerzeit kein Ghetto gab und wo die (wenn auch nicht immer friedliche) Koexistenz von Juden und Christen möglich und erfahrbar war – so, wie es auch der Sohn in seinem einzigen Erfolgsstück auf die Bühne brachte.
Der Nürnberger «Juive» ist anzumerken, wie sehr sie sich bemüht, nur ja nicht in die Guido-Knopp-Falle zu tappen mit ihrer fatalen Faszination am Historismus. Feldgrau, sorgsam ondulierte Frisuren und züchtige Dreißigerjahre-Kleider sind nur Assoziationen, kein plumpes Zitat. Regisseurin Gabriele Rech hat sich mit Bühnenbildner ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2016
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Markus Thiel
Daniel Börtz verbeugt sich hastig. Lächelt schief, mit verlegenem Stolz. Schon schielt er wieder nach der Gasse und huscht von der Bühne. Eine fürsorgliche Hand muss den 72-jährigen Schweden mit dem weißen Rauschebart wieder nach draußen lenken, auf dass er den Applaus für die Uraufführung seiner «Medea» entgegennehme: Der klingt mehr als respektvoll. Das...
Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten», dichtete Schiller 1795 fast stammbuchhaft. Etwa eineinhalb Jahrhunderte später freilich, nach 1945, galt das Lied vielen Tonschöpfern als antiquiert; sie ließen es allenfalls als Parodie weiterleben. Doch einige der avancierten Komponisten akzeptierten dieses Abdrängen in ein ästhetisches Getto...
Es klingt wie ein philologischer Hinweis und hat doch viel mit dem sinnlichen Klangerlebnis dieses Abends zu tun: Verdis «Macbeth» wird in Karlsruhe in der Fassung von 1865 gespielt – und zwar komplett. Die Betonung liegt auf komplett. Verdi hat seine Oper knapp zwanzig Jahre nach der Uraufführung für Paris überarbeitet und sozusagen auf den Stand der...
