Von europäischem Rang
Die Alten, für die Pest und Cholera, Krieg und Typhus zum Alltag gehörten, kannten das Kunstgewerbe der Negativität noch nicht. Sie waren sich ihres Lebens nicht sicher genug, um sich mit schlechten Aussichten interessant zu machen. Weil die Bedrohung des Lebens so real war, gab es eine Pflicht zum lieto fine, zum heiteren Ende. Denn aller Pessimismus ist viel billiger zu haben als die Hoffnung.
Über der Bühne des alten Opernhauses am Königlichen Neumarkt in Kopenhagen stehen bis heute die vier Worte: «Ei blot til lyst» – «Nicht bloß zur Lust», eine Devise, die man keineswegs als post-pietistische Miesepetrigkeit, als moralinsaure Rechtfertigung des Theaters missdeuten darf, sondern als Weisheit begreifen sollte, dass das Lachen und die Hoffnung eine Art Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit sind.
«Keiner soll sich der Verzweiflung überlassen oder sich dem Schmerz ergeben, auch wenn er uns oft bedrängt und am Leben verzagen lässt», singen der erste und dritte Hirt in Claudio Monteverdis «Orfeo». Und hier in Kopenhagen singen sie es zart und graziös, von Lillian Stillwell ohne großen Aufwand, sängerfreundlich choreografiert. Der Gesang der Hirten ist nicht nur Aufforderung zum ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jan Brachmann
Wie das neonleuchtende Logo einer Konzernzentrale prangt das «W» an jenem die Rückwand der Bühne bildenden Gerüst, von dem der aus der Handlung abgetretene, nunmehr stumme Wotan-Wanderer die Vollendung seiner Götterdämmerung distanziert, resigniert und doch interessiert betrachtet. Der Buchstabe war das Signet der vorangegangenen drei Teile der Tetralogie. Er...
«Mir graut vor meinem Schatten», schrieb Arno Holz. Grauen, Angst vor etwas, das nicht weicht, an uns klebt und gelegentlich überholt. Angst vor dem Unwägbaren, das uns sogar veranlasst, den Grundtrieb des zoon politikon, des Gemeinschaftswesens, zumindest zeitweise zu verleugnen. Und dazu bringt, uns zu vereinzeln – etwa Opernaufführungen allein vor dem Fernseh-...
Der Dirigent Carlo Maria Giulini beklagte einmal, dass im «Mutterland der Musik» diese traditionell weitgehend identisch mit Oper («melodramma») sei, Sinfonik, Kammermusik hingegen weniger gälten. Die beiden wichtigsten Komponisten der Nachkriegszeit, Luigi Nono und Luciano Berio, gingen ebenfalls auf Distanz zur Singbühne, aber auch zu den etablierten «absoluten»...
