Von europäischem Rang
Die Alten, für die Pest und Cholera, Krieg und Typhus zum Alltag gehörten, kannten das Kunstgewerbe der Negativität noch nicht. Sie waren sich ihres Lebens nicht sicher genug, um sich mit schlechten Aussichten interessant zu machen. Weil die Bedrohung des Lebens so real war, gab es eine Pflicht zum lieto fine, zum heiteren Ende. Denn aller Pessimismus ist viel billiger zu haben als die Hoffnung.
Über der Bühne des alten Opernhauses am Königlichen Neumarkt in Kopenhagen stehen bis heute die vier Worte: «Ei blot til lyst» – «Nicht bloß zur Lust», eine Devise, die man keineswegs als post-pietistische Miesepetrigkeit, als moralinsaure Rechtfertigung des Theaters missdeuten darf, sondern als Weisheit begreifen sollte, dass das Lachen und die Hoffnung eine Art Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit sind.
«Keiner soll sich der Verzweiflung überlassen oder sich dem Schmerz ergeben, auch wenn er uns oft bedrängt und am Leben verzagen lässt», singen der erste und dritte Hirt in Claudio Monteverdis «Orfeo». Und hier in Kopenhagen singen sie es zart und graziös, von Lillian Stillwell ohne großen Aufwand, sängerfreundlich choreografiert. Der Gesang der Hirten ist nicht nur Aufforderung zum ...
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Opernwelt Mai 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jan Brachmann
Die Lieder Ludwig van Beethovens, immerhin knapp 90, haben in seinem Œuvre nicht den gleichen Stellenwert wie die Symphonien, die Sonaten oder die Streichquartette. Viele von ihnen sind Juvenilia, nur wenige zentral für seine Musiksprache. Nach Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey, Nicolai Gedda und Peter Schreier haben sich nur wenige Sänger für sie eingesetzt...
Verspottet hätten sie ihn, 14-mal. In Luxemburg, Innsbruck, Mailand, Moskau, Luzern oder Paris. Und Julian Prégardien hätte als Evangelist davon berichtet, vom Bespeien und Schlagen des Heilands, mit gebotener, von ihm gewohnter Emphase. Mutmaßlich. Denn irgendwann, in der zweiten Märzhälfte, ereilte auch den Tenor das Schicksal: Alle Matthäus-Passionen mit dem...
Ein Virus raubt der Welt den Atem, nimmt auch der Kunst den Lebensraum. Schon am 12. März, noch bevor in Österreich rigorose Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, verkündeten die Osterfestspiele Salzburg und die Spitzen der Landes- und Stadtpolitik die Absage des Festivals für 2020. Erstmals seit 1967 wurden zehn Festspieltage ersatzlos gestrichen. Kein neuer...
