Viva la rivoluzione!
Am Ende zerren italienische Freiheitskämpfer ihre Symbolfigur und deren Geliebten vor das Erschießungskommando. Eine Gewehrsalve streckt die Hohepriesterin der Revolution und den Kommandeur der österreichischen Fremdherrscher nieder. Nichts ist es mit dem romantischen Liebestod. Olivier Py verklammert in seiner Inszenierung zwei geschichtliche Momente: die Uraufführung des Bühnenwerks (am gleichen Ort) und die Ankunft des Lombardo-Venetien heftig drangsalierenden k. u. k. Feldmarschalls Radetzky anno 1831. So gerät denn «Norma» zur frühen Risorgimento-Oper.
Die finale Hinrichtung wird nachvollziehbar durch das mörderische Vorgehen der Österreicher. Noch während der Ouvertüre liquidieren sie einen italienischen Patrioten. Die Exekution Normas gilt der vermeintlichen Hochverräterin, die Polliones dem Tyrannen à la Radetzky.
So weit, so schlüssig. Plausibel, aber arg plakativ stilisiert Py die Priesterin zu einer zweiten Medea. Keine Frage, Norma suchen gleiche Motive heim wie die Kindsmörderin des Euripides: Rachedurst der betrogenen Geliebten und die düsteren Zukunftsaussichten der Söhne. Morden aber kann die gallische Priesterin nicht. Inflationär einen Spiegel durch die Gegend zu ...
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Panorama, Seite 59
von Michael Kaminski
In die abstrakten Rakel-Bilder Gerhard Richters kann man vieles hineindeuten. Auch einen impressionistischen, gelb-grün gehaltenen Lichterdom eines Waldstücks. Und genauso sieht in Mainz der an Richters Stil angelehnte Bühnenhintergrund aus für Janáčeks Tier-Oper «Das schlaue Füchslein». Doch halt! Erleben wir hier wirklich singende Tiere auf der Bühne? Im Grunde...
Man hat ihn hierzulande fast ein bisschen vergessen, den freundlich schmunzelnden Herrn mit dem rundlichen Kahlkopf und dem kaukasischen Schnurrbart über dem Goldkettchen. Dabei war Gija Kantscheli (1935–2019) bis zu seinem Tod durchaus eine Berühmtheit: ein in den Westen versprengter Anti-Modernist, der – zusammen mit der jüngst verstorbenen Russin Sofia...
Plötzlich wird es ganz unheimlich. Eine weiße Gestalt kommt die Himmelsbrücke hinab, ein Abgesandter des Herrn: Auf ihn ist Verlass, so verspricht das solistische Vokalquartett, denn «keiner wird zu Schanden, der seiner harret». Und wer da mit allen Fasern seines Herzens auf den Herrn wartet, ist der Prophet Elias, der seinen Gott vertrauensvoll beschwört – «der du...
