Versuch einer Psychostudie
Die witzig verspielte Inszenierung von Richard Strauss’«Ariadne auf Naxos», die der deutsche Regisseur Aron Stiehl 2013 im Theater St. Gallen vorgestellt hat, ist in bester Erinnerung. Seine jüngste Arbeit in diesem Haus, sie gilt Giuseppe Verdis «Macbeth» in der auf Italienisch gegebenen Pariser Fassung von 1865, hält diese Höhe nicht; vor allem in der Ausgestaltung der einzelnen Figuren bleibt sie deutlich flacher.
Besonders schlägt das bei dem Protagonisten-Paar zu Buche, das die blutrünstige Handlung vorantreibt.
Als Lady Macbeth ist die Amerikanerin Mary Elizabeth Williams eine Vollblut-Matrone – und so singt sie auch: mit einem röhrenden Timbre, üppigem Vibrato, explizit im Einsatz ihrer Gestaltungsmittel. Klischeehaft wirkt das, es erinnert an Opernabende alter Zeiten. Im Konzept der Inszenierung hat es immerhin seinen Sinn, denn Macbeth erscheint in St. Gallen als ein durch und durch schwacher Mensch: ein in die Jahre gekommenes Muttersöhnchen. Paolo Gavanelli zeichnet die vokalen Linien denn auch mit weicher Kontur, das Aufbrausende wirkt bei ihm aufgesetzt – auch, weil er mit dem Forte und der Höhe seine liebe Mühe hat. Und weil er sich als Darsteller so altbacken aufs ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Peter Hagmann
The Story of Semele», das 1744 uraufgeführte Oratorium Händels, hat seit 1925 den Weg auf die Opernbühne gefunden, und neuerdings wird es mindestens einmal jährlich neu inszeniert. Nicht einmal Spezialisten wussten aber von einer merkwürdigen Aufführung im Schiller-Jahr 1905. Christiane Wiesenfeldt rekonstruiert im neuesten Band der «Göttinger Händel-Beiträge» eine...
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’...
«Wenn nur die Rezitative nicht wären! Wer widerstünde der bleiernen Langeweile, die sie verbreiten?» In Richard Strauss’ «Capriccio» trifft der Graf einen wunden Punkt: Rezitative sind musikalisch weniger prägnant als die eigentlichen «Nummern». Das Problem ist so alt wie die Oper selbst. Bereits am Anfang des 17. Jahrhunderts verband man den «stile recitativo» mit...
