Breakdance, Bibeln, Banlieue
Wiederholt haben Regisseure gezeigt, was man aus den Balletten machen kann, die in der Pariser Grand Opéra auf den ersten Blick nur überflüssig scheinen. So weit wie Tobias Kratzer in seiner Karlsruher Inszenierung von Meyerbeers «Blockbuster» aus dem Jahr 1849 ist jedoch kaum jemand gegangen: Die Tanznummern im dritten Akt werden (fast ungekürzt) von sechs B-Boys zu Plünderungsszenen getanzt. Einwandererkinder aus dem Schwäbischen spielen mit hinreißenden Akrobatik-Nummern Karikaturen ihrer selbst.
Für Kratzer sind die Underdogs in diesem Sozialdrama keine Bauernkrieger, sondern Jugend-Gangs aus einem trostlosen Wohnsilo der 1970er-Jahre – eine überzeugende Aktualisierung, weil so die Ästhetisierung von Gewalt und die dumpfe Auflehnung gegen alles Bestehende anschaulich werden. Die drei Wiedertäufer, die in diesem antirevolutionären Stück die Massen aufwiegeln und Jean, den tumben Gastwirt aus Leyden, zum charismatischen «Führer» aufbauen, sind wie Mormonen gekleidet und tragen wie Jesus Sandalen. Gleichsam als Vertreter eines AS, eines «Anabaptistischen Staates» wissen sie um die Macht von Bildern. Jeans Triumph-Hymne am Ende des dritten Akts, eine atemberaubende Vorwegnahme einer ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Anselm Gerhard
Die Offenbach-Produktion, mit der Simone Young im Herbst 2014 ihre letzte Hamburger Spielzeit eröffnete, war ein großer Publikumserfolg (siehe OW 12/2014). Die Veröffentlichung auf DVD ist eine willkommene Alternative bzw. Ergänzung zu der Pariser Produktion (2000) unter Marc Minkowski und Laurent Pelly (Arthaus). Das französische Duo Renaud Doucet (Regie und...
André Campras «Tancrède», 1702 an der Pariser Oper uraufgeführt und für einige Jahrzehnte ein Erfolgsstück, stellt aus heutiger Sicht ein Bindeglied zwischen den Opern Lullys und Rameaus dar. Der rezitativische Deklamationsstil der noch jungen französischen Oper verbindet sich hier mit dem Melodienreichtum der Italiener. Das Libretto greift eine Episode aus Tassos...
Eine Dramaturgie der feinen Art: Intendant Marc Clemeur bezieht an der Opéra du Rhin «Ariane et Barbe-Bleu» von Dukas (siehe OW 6/2015) auf Faurés wenig später entstandene «Pénélope» und gibt sie demselben Regisseur. So entsteht ein ungewöhnliches Diptychon: zwei Opern, die Opernhaftes hinter sich lassen, sich introvertiert geben und doch auf ehrgeizige Weise...
