Verirrungen und -wirrungen
Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste.
Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein ehrloser Schuft» gewesen, eine «Kanaille», ein «Abgrund von Gemeinheit» durch dessen «bloßen Anblick» man sich «beschmutzt» fühle; auch wälze sich dieser «Revolverjournalist, Pornograph und Witzbold» nicht selten «mit dem Behagen eines Schweines in trivialsten, Brechlust erregenden Obszönitäten». Es ist fürwahr nicht das einzige von Sven Fritz in seiner (im doppelten Sinn) schwergewichtigen Biografie über Houston Stewart Chamberlain angeführte Zitat, in dem die völkische Weltanschauung des britischen Schriftstellers deutlich zu Tage tritt. Aber es ist eines der widerlichsten, zugleich subtilsten. Denn mit keinem Wort erwähnt Chamberlain die Tatsache, dass Heine Jude war; er deutet es nur wortreich an, wenn er schreibt, «dass die kleine Minderheit […], welche die öffentliche Meinung tyrannisiert», entschlossen sei, der Mehrheit ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jan Verheyen
Ungeliebte Schwestern sind sie beide, sind es im Grunde seit dem Tag, an dem sie das Licht der Welt erblickten. Während den Puschkin’schen Schöpfungen «Eugen Onegin» und «Pique Dame» sowie, wenngleich seltener, auch «Jolanthe» bis heute kontinuierlich ein Logenplatz zugewiesen wird, saßen sowohl die «Jungfrau von Orléans» (Jahrgang 1881) als auch die wesentlich...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
In der Semperoper bei Allesandro Rollas Bratschenkonzert, gespielt von Tabea Zimmermann.
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
Im Berner Jura, mit Blick auf den Bielersee.
Ihr Geheimrezept fürs Überleben während der Proben?
Ich liebe Proben. Wenn es mal hakt, freuen sich alle über eine Prise Humor. Wenn es in mir hakt, mache...
Oper, das war im 18. Jahrhundert vergängliche Gebrauchskunst. Ungewöhnlich genug also, dass Maria Antonia Walpurgis Symphorosa von Bayern ihre «Talestri, regina delle Amazzoni» bald nach der Uraufführung 1763 in Dresden drucken ließ. Und noch etwas ist ungewöhnlich an der Oper innerhalb ihrer Epoche: die stringente, alle Fäden psychologisch stimmig zusammenführende...
