Verirrungen und -wirrungen
Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste.
Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein ehrloser Schuft» gewesen, eine «Kanaille», ein «Abgrund von Gemeinheit» durch dessen «bloßen Anblick» man sich «beschmutzt» fühle; auch wälze sich dieser «Revolverjournalist, Pornograph und Witzbold» nicht selten «mit dem Behagen eines Schweines in trivialsten, Brechlust erregenden Obszönitäten». Es ist fürwahr nicht das einzige von Sven Fritz in seiner (im doppelten Sinn) schwergewichtigen Biografie über Houston Stewart Chamberlain angeführte Zitat, in dem die völkische Weltanschauung des britischen Schriftstellers deutlich zu Tage tritt. Aber es ist eines der widerlichsten, zugleich subtilsten. Denn mit keinem Wort erwähnt Chamberlain die Tatsache, dass Heine Jude war; er deutet es nur wortreich an, wenn er schreibt, «dass die kleine Minderheit […], welche die öffentliche Meinung tyrannisiert», entschlossen sei, der Mehrheit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jan Verheyen
Für die Nüstern des Lesers von Edgar Allan Poes «The Fall of the House of Usher» ist er ein alter olfaktorischer Bekannter: der imaginierte schauerliche Moderduft dieses einen ungelösten Geheimnisses, der die Lektüre der Erzählung aus dem Jahr 1839 dunkel-feucht umhüllt. Ein Brief erreicht darin den Erzähler der Geschichte. Sein blaublütiger Freund ersucht ihn mit...
Der Oper wird gern vorgeworfen, sie sei unheilbar gestrig: zu «weiß», zu hierarchisch, nicht divers genug. Auf den zunehmenden Legitimationsdruck reagieren die meisten Häuser eher zaghaft und lagern ihre (Alibi-)Bemühungen bevorzugt in Begleitveranstaltungen aus. Die Amsterdamer Nationaloper geht die Sache offensiv an: Bereits vor einem Jahr kam mit «Anansi» eine...
Oper muss endgültig aus dem Elfenbeinturm herabsteigen, sie muss Relevanz beweisen und für alle erfahrbar werden: Seitdem die Post-Corona-Leere die Theater im Griff hat, sind diese Forderungen noch häufiger zu hören als zuvor. Müssen wir also Musiktheater neu denken, damit es überlebt? Christina Gutiérrez Malmborm hat sich 2013 gesagt, sie wolle jetzt in der...
