Verirrungen und -wirrungen

Buch des Monats. Gut recherchiert: Sven Fritz’ Biografie über Houston Stewart Chamberlain

Opernwelt - Logo

Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste.

Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein ehrloser Schuft» gewesen, eine «Kanaille», ein «Abgrund von Gemeinheit» durch dessen «bloßen Anblick» man sich «beschmutzt» fühle; auch wälze sich dieser «Revolverjournalist, Pornograph und Witzbold» nicht selten «mit dem Behagen eines Schweines in trivialsten, Brechlust erregenden Obszönitäten». Es ist fürwahr nicht das einzige von Sven Fritz in seiner (im doppelten Sinn) schwergewichtigen Biografie über Houston Stewart Chamberlain angeführte Zitat, in dem die völkische Weltanschauung des britischen Schriftstellers deutlich zu Tage tritt. Aber es ist eines der widerlichsten, zugleich subtilsten. Denn mit keinem Wort erwähnt Chamberlain die Tatsache, dass Heine Jude war; er deutet es nur wortreich an, wenn er schreibt, «dass die kleine Minderheit […], welche die öffentliche Meinung tyrannisiert», entschlossen sei, der Mehrheit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jan Verheyen

Weitere Beiträge
Sie lächeln wieder

Diese Oper gehört allen.» So deutlich und unverblümt sagt es Myung-Whun Chung in seiner kurzen Begrüßungsrede, zu der ihn der Bürgermeister Venedigs in die prächtig dekorierten Sale Apollinee gebeten hat. Der koreanische Dirigent kommt geradewegs von der erfolgreichen «Falstaff»-Premiere, mit der die neue Saison am Teatro La Fenice eröffnet worden ist. Wie so viele...

Ins Innerste

Der Orchestergraben ist geschlossen, die vordersten Reihen im Parkett sind herausgenommen, die Musikerinnen und Musiker gehen in einer langen Reihe durch den Zuschauerraum zu ihren Plätzen. Sie sind es, die an diesem Abend die Hauptrolle spielen und – im Zusammenwirken mit der suggestiven Inszenierung von Evgenia Safonova, die in Perm als Musiktheaterregisseurin...

Über den Wolken

Arme Nymphe. Allein ist sie, verraten und vielleicht sogar «verkauft». Derjenige, dem sie ihre reine Liebe schenkte, hat sie schmählich im Stich gelassen. Und trotzdem hofft die Gute, der Liebste möge zurückkehren. Also singt sie das anmutigste Lied, das ihr auf der Zunge, in der Kehle liegt, singt es mit dem allergrößten Sehnen, voller Inbrunst, dabei aber leise,...