Verdi: Il trovatore
Dominik Neuners Bühnenbilder, die er selbst für seine Inszenierungen schafft, haben hohen Wiedererkennungswert. Wie bei der «Elektra» im April gab es auch beim «Troubadour» in Kassel eine gewaltige Schuttwüste, die sich aus abstrakten geometrischen Elementen aufschichtete, Rahmen, Ebenen, Höhlen, bestimmt vom «männlichen» rechten Winkel. Einziger Fremdkörper ein großer, runder, «weiblicher» Mond, Gefühlsfokus für die Figuren vom Grafen (Luna!) bis zu Leonora, der einzigen weiß Gewandeten unter den vier Hauptfiguren.
Es herrscht Krieg in Aragón, und es herrscht Nacht.
Alles spielt sich zwischen Weiß und Schwarz ab. Die Menschen sind gefangen in ihren Rollen. Die Männer führen die Waffen – «Krieg ist Menstruationsneid», sagt Neuner –, die Frauen sind Getriebene ihres Inneren, Azucena von Rache, Leonora von Liebe. Doch beide sind gefangen in der männlichen Welt. So gelingt es Leonora nicht, zum Mond vorzustoßen. Nur in wenigen Glücksmomenten mit Manrico kann sie den rechteckigen Rahmen verlassen, der ihr Gefängnis und Behausung ist.
Neuner stellt Mauricio als reinen Tor da, in Konflikte gezwungen, die nicht seine sind. Die Hoffnung auf Lösung ist verbaut wie die chaotische Bühne. ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Ich stehe vor einem Wunder», soll Alban Berg geäußert haben, als er im März 1929 in Oldenburg die erste deutsche Produktion seines «Wozzeck» nach der Berliner Uraufführung von 1925 erleben durfte, und seitdem gilt diese Oper am Oldenburgischen Staatstheater als eine Art Vorzeigestück der Moderne. Ein Anspruch, dem die Neuinszenierung von Bruno Klimek in...
Demokratischer als zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Teatro «G. B. Pergolesi» in Jesi in der Adria-Region Marken hätte es in einem Opernhaus nicht zugehen können. Wann bietet sich Premierenbesuchern sonst die Möglichkeit, selbst darüber zu befinden, welche Ouvertüre den Auftakt zum Abend geben sollte? Kurz vor Beginn durften die Zuschauer das Stück ihrer...
Ein Gespenst geht um in der Opernszene. Es hört auf einen alten Begriff, den es verzerrt: Aktualität. Als sich Calixto Bieito kürzlich in Berlin an «Madame Butterfly» vergriff, verlegte er die Handlung in ein Etablissement für Sextourismus. Die Aufführung zu rezensieren, lohnt sich nicht, da sie nur ein weiteres Beispiel für die Guinness-Buch-verdächtige Fähigkeit...
