Unvergleichlich
Es ist der 19. Januar 2004, der gemeinhin als Datum einer neuen Gruberová-Zeitrechnung gilt. Sicher, da war noch immer das technische Wunderwerkzeug, das sie in der Premiere von Donizettis «Roberto Devereux» vorführte. Die Tonfontänen, die sie bis in die Stratosphäre schoss. Die Klangfäden, silberfein leuchtend, endlos lang gesponnen und doch so reißfest. Überhaupt der ganze Verzierungsstuck, den niemand so detailwütig wie sie modellieren konnte.
Doch all das war jetzt «nur» noch Mittel – um den tiefenscharfen Charakter einer alternden, sich verbissen und vergeblich an die Macht und einen jungen Liebhaber klammernden Königin zu erschaffen.
Edita Gruberová endlich als Sängerinnendarstellerin? Das glaubten viele, die damals in der Bayerischen Staatsoper saßen, fasziniert und auch bestürzt, ließ doch die Sopranistin plötzlich so viel und so Unausgesprochenes von sich zu. Dabei hatte Regisseur Christof Loy nur verstanden: All das war längst da gewesen, all das brachte die Gruberová mit. Es musste nur entdeckt und geweckt werden. Dieter Dorn hatte das Jahre zuvor geschafft, in seiner Salzburger «Ariadne». Und stellenweise auch Giancarlo Del Monaco. Was bedeutet: «Königin der ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: In Erinnerung, Seite 60
von Markus Thiel
Als Heiner Müller 1993 in Bayreuth «Tristan und Isolde» inszenierte, hob er nicht ab auf eine romantische oder metaphysische Liebesgeschichte, sondern auf den im Libretto häufig genannten Tod. Dass es aber noch viel konkreter, härter geht, ist jetzt in Chemnitz zu erleben. Dort gibt es seit dem 2018 vollendeten, von vier Frauen inszenierten «Ring» eine...
Dafür, dass der Titel des neuen Stücks – «Die Mühle von Saint Pain» (englische Aussprache) – eher Leid und Schmerzen argwöhnen lässt, fängt es gar nicht so düster an im Theater Basel. Der Zuschauerraum bleibt erleuchtet. Und die fünf Figuren, die der Reihe nach erscheinen, führen derart sarkastisch-bissige Dialoge miteinander, dass man meinen könnte, eine Autorin...
Das Bild hat sich ins Gedächtnis gebrannt: Angela Denoke, die als Katja Kabanowa im verödeten Springbrunnen zusammenbricht, statt in die Wolga zu springen. 1998 war das, Denoke debütierte mit der Titelpartie von Leoš Janáčeks Oper bei den Salzburger Festspielen. Und in Christoph Marthalers Inszenierung war der Springbrunnen der letzte Rest von Natur zwischen noch...
