Unter der großen Sonne
Der König und seine Entourage waren not amused. Hatte Philippe Quinault im Textbuch für «Isis», die sechste tragédie en musique des Hofkomponisten Jean-Baptiste Lully, nicht – kaum verhüllt – das Liebesleben des «Roi Soleil» porträtiert? Wer mit den Usancen des französischen Regenten halbwegs vertraut war, erkannte sofort frappierende Parallelen zwischen Juno, der frustrierten Gattin des allzeit seitensprungbereiten Jupiter, und Madame de Montespan, einer lange favorisierten, nun aber ins Hintertreffen geratenen Mätresse Louis’ XIV.
Kaum zu übersehen auch, dass das Vorbild für die vom Göttervater umworbene Io eine gewisse Mademoiselle de Ludres gewesen sein dürfte, die neue Flamme des absolutistischen Herrschers. Und dass der Oberolympier Ähnlichkeiten mit dem barocken Ludwig aufwies, war nachgerade unvermeidlich. Kurzum, nach der Uraufführung Anfang 1677 im Château de Saint-Germain-en-Laye (Ludwigs Geburtsort) machte das Stück ordentlich Skandal – und verschwand alsbald in der Versenkung, während Quinault der Bann des Hofes traf.
Dabei ist das Opus eine Wunderkammer unvergleichlichen musikalischen Esprits. Zumal die zahlreichen Divertissements und Chöre gehören zum Besten, was ...
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Opernwelt März 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Albrecht Thiemann
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