Unstillbares Begehren
Dass Rossinis später «Comte Ory» mehr ist als eine Zweitverwertung der Noten für «Il viaggio a Reims», nämlich eine ingeniös eigenständige, sehr speziell französisch-italienische opéra-comique, hat sich herumgesprochen. Und dass es hier inhaltlich mehr zu erzählen gibt als eine Fraueneroberungsklamotte aus der Kreuzzugszeit, verspricht Denis Podalydès’ zuerst in Paris und Versailles gezeigte Inszenierung jetzt auch an der Opéra Royal de Wallonie.
Freilich ist der schlimme Graf kein Don Giovanni; seine Verkleidungslisten – erst als frommer Eremit, dann frivolerweise im Nonnenhabit – gehen schief, nicht nur weil ihm im eigenen Pagen ein Rivale und Gegenintrigant um die Gunst der schönen Comtesse Adèle gegenübersteht.
Die Menschen glauben gern, was sie am liebsten glauben möchten, und lassen sich umstandslos betrügen, am Ende aber ist der Betrüger der Betrogene und Blamierte. Doch auf derlei Spaßmechanik als Vehikel für einen tenore di grazia und hohe C’s wollte sich der als Sociétaire de la Comédie-Française geehrte Podalydès nicht verlassen. Er verlegt das Geschehen in die Entstehungszeit des Stücks – die kriegführenderweise abwesenden Männer sind mit der Eroberung Nordafrikas ...
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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Holger Noltze
Gilda und Rigoletto belauschen von draußen, wie sich der Herzog in der Wirtsstube an Maddalena heranmacht: Die zentrale Quartett-Szene im dritten Akt fasst simultanes Geschehen in getrennten Räumen musikalisch zusammen und bringt das Drama damit auf den Punkt. Denn Gilda ist nun gezwungen zu erkennen, wer ihre Entführung aus dem väterlichen Haus veranlasst hat –...
Christoph Marthaler kehrt zurück an die Bühne, deren Bau er einst der Stadt Zürich abtrotzte, bevor sie ihn als Intendanten verjagte. Nun ist er also wieder da, im Schiffbau des Schauspielhauses. Mit einem neuen Stück: «44 Harmonies from Apartment House 1776». Aber von Vertrauen in Harmonie ist nicht viel zu spüren an diesem Abend. Und wenn, dann liegt sie in der...
Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit. Videoprojektionen sind heutzutage aus den Opernhäusern nicht mehr wegzudenken. Mal bringen sie künstlerischen Mehrwert durch konstrastierende Brechungen des Bühnengeschehens. Mal verdoppeln sie nur das, was man sowieso auf der Bühne sieht. Doch immer standen sie in irgendeinem Verhältnis zur Bewegung realer...
