Unergründlich
Zwei Menschen: Sie, eine junge slowakische Jüdin, die 1942 mit dem ersten Frauentransport nach Auschwitz kommt; er, gleichaltrig und ein Aufseher, ein glühender Antisemit, der sich mit 17 freiwillig zur SS gemeldet hatte und als besonders brutal gilt. Sie muss ihm zum 21. Geburtstag ein Ständchen bringen – er verliebt sich in sie. Er rettet ihrer Schwester das Leben, sie erwidert seine Liebe – vielleicht. Beim Todesmarsch kurz vor Schluss steckt er ihr seine Wiener Heimatadresse zu, schickt ihr noch lange nach dem Krieg Liebesbriefe.
Man könnte, dürfte diese Geschichte nicht erzählen, schon gar nicht auf der Opernbühne – wenn sie nicht wahr wäre, dokumentiert zuerst 1972 beim zweiten Wiener Auschwitz-Prozess, wo Helena Citrónová, nichts beschönigend, aber dennoch tendenziell zu Gunsten von Franz Wunsch aussagte. Der thailändische Komponist Somtow Sucharitkul hat aus dem Material eine 2020 in Bangkok uraufgeführte Oper entwickelt, deren europäische Erstaufführung jetzt am Theater Hof zu sehen war. Nur die Schlussszene hat Sucharitkul erfunden: Die Titelheldin steht vor Wunschs Haus in Wien, geht aber schließlich doch nicht hinein. Lothar Krause, der inszenierende Hofer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Michael Stallknecht
EMDR («Eye Movement Desensitization and Reprocessing») ist eine gängige Psychotherapiemethode, bei der der Therapeut Fingerbewegungen vor den Augen des Patienten vollführt, während dieser sich an bestimmte traumatische Situationen seines Lebens erinnert. Durch das Verfolgen der Bewegungen geben die Augen gewisse Reize an das Hirn weiter. Traumatische Erlebnisse...
Erklären, erhellen, das ist in dieser Causa oft vergebliche Regiemüh’! Weil sich die Märchen-Mythen-Psycho-Melange von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gegen Stringenz und Linearität sperrt – was an sich nichts Negatives sein muss. Und leicht ließe sich ja lächeln über die «Frau ohne Schatten», die zwischen explodierter «Zauberflöte» und monumentaler...
Hätte nicht Rudolf Bing im Jahr 1958 aufgrund erheblicher Differenzen über das zu wählende Repertoire Maria Callas gefeuert, das Publikum der Met wäre schon vor mehr als 60 Jahren in den Genuss der «Medea»-Fassung mit den deutschen Rezitativen von Franz Lachner gekommen. Zwar gab es in den 1950erund 60er-Jahren einige konzertante Aufführungen dieses hybriden Werks...
