Ein Traum in Chamois

Szenisch wie musikalisch sehr fein: Engelbert Humperdincks «Königskinder» in Amsterdam

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Kein Grieseln und Grausen, überhaupt kein finsterer Hexenwald wie im Märchen. Es ist ja auch keines.

Humperdincks «Königskinder» (im Schatten des so viel populäreren Stücks «Hänsel und Gretel») können ja nicht leben, glücklich bis an ihr Ende, sie sterben einen elenden Kältetod, und sei er noch so betörend überglänzt von Verklärungsmusik und Kinderchor! Es ist ein tieftrauriges Stück, das die Märchenfiguren – die Unschuld einer Gänsemagd und den Königssohn, der sein Königsein nicht erben, sondern sich verdienen will – in die verdorbene Welt jenseits des Zauberwalds schickt; in die Vorhölle von Hellastadt, wo Habgier, Egoismus und Feindseligkeit regieren, wo die Menschen nach dem Tod ihres alten Königs auf einen neuen warten und blind bleiben für den rechten, auch als er zu ihnen kommt. Ein König, der erstmal dienen will in der Wirtschaft, und eine aus dem Wald entlaufene Gänsemagd, das geht gar nicht, das muss weg. Nur die Kinder Hellastadts erkennen die Wahrheit. Das «Wehe! Wehe!» der Gänsemagd, als die Furcht sie zuerst abhält, mit dem fremden Königsmenschen aus ihrer Welt wegzulaufen und er das nicht versteht: Es klingt wie ein Nachhall des finalen «Weh!» in Wagners «Lohengrin», ...

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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Holger Noltze

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