Und die im Dunkeln sieht man doch
Ein Gespenst geht um in Europa. Doch nicht jenes furchterregende Schreckensbild, das Karl Marx und Friedrich Engels 1848 in ihrem «Kommunistischen Manifest» heraufbeschworen, verbirgt sich hinter der schwarzen Maske. Es ist, wer hätte es gedacht, der Kapitalismus, dessen Wesen und Wirkung die Menschen – neben zahllosen anderen rationalen wie irrationalen Anfechtungen – zusehends ängstigt.
Denn nicht als irgendwie entfesselter Prometheus «beglückt» diese moralbefreite Wirtschaftsform den Kontinent (und, seien wir ehrlich, inzwischen, nach dem «Ende der Geschichte», eigentlich den gesamten Erdenkreis); ihr grelles Licht wirft dort, wo sie erscheint, zugleich riesige Schattenberge, hinter denen der neue, interessengeleitete Mensch mit den «blöden Maulwurfsaugen der Selbstsucht» (Joseph Vogl) zurückbleibt – und dabei mit seinesgleichen äußerstenfalls einen Verein zur gemeinsamen Abwehr des Schlimmsten (oder zum eigenen Aufstieg) unterhält. Die Folgen sind eklatant: Nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Es ist vor allem das Gefühl vieler, nicht mehr dazuzugehören, eine kollektive Angst vor dem sozialen Niedergang, kurz: die spätmoderne Vision einer ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten & Wiebke Roloff
«Was für ein buntes Publikum!», ruft Feuerwehr-Käpt’n Shaw mit Blick auf die grauen Löckchen im Saal, wo – typisch Matinee! – schaler Kaffeeatem und weihrauchlastige Parfüms die Luft verdicken. «Ich sehe das Bürgertum – und die gehobene Mittelschicht. Ein wahrer Schmelztiegel!» Die Mittelschicht jauchzt entzückt. Bissiges für alle, Sarkasmus ohne Ende: Der Ton ist...
Ist die alte, die Musik des Mittelalters im 21. Jahrhundert das eigentlich Neue? Der Gregorianische Choral? Die mehrstimmigen Gesänge der Notre-Dame-Schule und der Ars Nova? Für Arvo Pärt liegt die Zukunft fraglos in der Vergangenheit. Vorwärts zu den Ursprüngen – so könnte man die Haltung umreißen, die Pärts Kompositionen seit den späten 1970er-Jahren...
Es dauerte ziemlich lange, bis der Opernbetrieb das Attraktionspotenzial, fast möchte man sagen: den impliziten Eventcharakter der Grand opéra à la Meyerbeer neuerlich erkannte. Seit rund zwei Jahrzehnten aber scheint das Eis gebrochen und damit auch der lange Arm des Antisemiten und Meyerbeer-Hassers Richard Wagner. Von Einfluss war dabei wohl auch der dank des...
