Und das Auge blickt in die Ewigkeit
Das letzte Wort hat Liù. Die kleine Sklavin mit dem großen Herzen. Die weiß, wie sich Liebe anfühlt, wie sie schmeckt, welchen Zauber, welchen Duft sie zu verströmen weiß. Und die den Unterschied kennt zwischen dem reinen Begehren und jenem höheren Gefühl, das sich nicht allein aus körperlichem Verlangen speist, sondern weit mehr aus der Idee von Philia und Agape – vielleicht auch deshalb, weil sie Ersteres vermutlich nie in ihrem Leben genießen durfte.
Ihre Musik, Liùs Musik, sie erzählt davon, in einem harmonischen Gewand, das uns ahnen lässt, dass die Sonne nie mehr scheinen wird. Es-Moll, das ist bei Puccini nie die Tonart der Freude gewesen, sondern meist die der Traurigkeit, Verzweiflung und Verlorenheit (bereits das frühe Lied «Ad una morta» auf Verse Antonio Ghislanzonis, den Librettisten von Verdis «Aida», ist in verschattete es-Moll-Klänge gehüllt). Und so hebt Liù ihre Stimme, hebt an zu einem Gesang, der so schmerzlich-schön ist, dass man sich in ihn verlieben könnte, wüsste man nicht, dass der Tod schon seine Arme ausgebreitet hat und sie, die wahre und vergeblich Liebende, bald mit sich nehmen wird. Con dolorosa espressione wünscht sich Puccini Liùs Abschiedsgesang, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: 100. Todestag Giacomo Puccini, Seite 102
von Virginie Germstein
Die Erinnerung ist ein seltsames Tier. Manchmal, meist in der Nacht, steht sie fauchend und zähnefletschend vor mir, so als wolle sie mich gleich zerreißen; das sind die Augenblicke, in denen ich mich, in Schweiß badend, vor ihr fürchte. Manchmal ist sie hingegen wie eine sprießende Blume, und plötzlich sieht die Welt um mich herum so unfassbar schön aus; das sind...
Die Zukunft der Oper stand schon immer auf dem Spiel, daran hat sich in den mehr als 400 Jahren ihres Bestehens grundsätzlich kaum etwas geändert. Was sich indes geändert hat, sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen sie auf die Bühne gelangt, das soziokulturelle Environment. Und spätestens nach der wenig fruchtbaren Diskussion über die...
Was Musik ist? Gute Frage. Nicht wenige Philosophen und Komponisten haben sie sich gestellt. Gabriel Fauré etwa tat dies, während er am zweiten Satz seines Quintetts feilte und nach jenem «unersetzbaren Punkt», nach der höchst unwirklichen Schimäre, suchte, die uns «über das, was ist» erhebt. Vladimir Jankélévitch nahm Faurés Introspektion zum Anlass, sich einmal...
