Und das Auge blickt in die Ewigkeit
Das letzte Wort hat Liù. Die kleine Sklavin mit dem großen Herzen. Die weiß, wie sich Liebe anfühlt, wie sie schmeckt, welchen Zauber, welchen Duft sie zu verströmen weiß. Und die den Unterschied kennt zwischen dem reinen Begehren und jenem höheren Gefühl, das sich nicht allein aus körperlichem Verlangen speist, sondern weit mehr aus der Idee von Philia und Agape – vielleicht auch deshalb, weil sie Ersteres vermutlich nie in ihrem Leben genießen durfte.
Ihre Musik, Liùs Musik, sie erzählt davon, in einem harmonischen Gewand, das uns ahnen lässt, dass die Sonne nie mehr scheinen wird. Es-Moll, das ist bei Puccini nie die Tonart der Freude gewesen, sondern meist die der Traurigkeit, Verzweiflung und Verlorenheit (bereits das frühe Lied «Ad una morta» auf Verse Antonio Ghislanzonis, den Librettisten von Verdis «Aida», ist in verschattete es-Moll-Klänge gehüllt). Und so hebt Liù ihre Stimme, hebt an zu einem Gesang, der so schmerzlich-schön ist, dass man sich in ihn verlieben könnte, wüsste man nicht, dass der Tod schon seine Arme ausgebreitet hat und sie, die wahre und vergeblich Liebende, bald mit sich nehmen wird. Con dolorosa espressione wünscht sich Puccini Liùs Abschiedsgesang, ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: 100. Todestag Giacomo Puccini, Seite 102
von Virginie Germstein
Es sind zwei Bühnenwerke jüdischer Komponisten, die in jüngerer Zeit auf die Spielpläne der Opernhäuser (zurück-)drängen: Fromental Halévys «La Juive» aus dem Jahr 1835 und die 1968 vollendete «Passashirka» («Die Passagierin») von Mieczysław Weinberg. Beide Werke stellen Auseinandersetzungen mit christlichem Antijudaismus und rassistischem Antisemitismus und dem...
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