Überambitioniert
An Carl Maria von Webers «Freischütz» hat sich schon so manche Regie-Koryphäe die Zähne ausgebissen. Ist es schon schwierig genug, die düster-romantisch rumorende Geschichte an sich plausibel zu erzählen, liegt die größere Herausforderung darin, sie in eine heutige Gültigkeit zu übertragen, zumal sich auch Webers Partitur mit ihren Ambivalenzen einer stringenten Erzählhaltung zu widersetzen scheint.
Nun hat sich der vielbeschäftigte Ersan Mondtag in Kassel an das zur deutschen «Nationaloper» hochstilisierte Werk gewagt – und erneut jene Bilderfluten entfesselt, die inzwischen sein Markenzeichen sind.
Sein Dramaturg Till Briegleb rüstet die gesprochenen Textpassagen von Johann Friedrich Kind – die ja tatsächlich eines der Probleme des «Freischütz» sind – gewaltig auf, unter anderem mit Zitaten von Grimmelshausen, Adorno und Lautréamont. Aufreizend didaktisch vorgetragen werden sie von Samiel (sehr präsent: Schauspieler Jonathan Stolze). Dieser tritt als weiß gewandeter Nervenarzt auf, der den traumatisierten, sich unablässig in Krämpfen windenden Ex-Soldaten Max mit zweifelhaften Drogen sediert und das Geschehen immer wieder mit seinen Einlassungen unterbricht. Als einen Fall von ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Regine Müller
Schon das Vorspiel erzählt das ganze, traurig aktuelle Drama. Im doppelten, dann sogar dreifachen Pianissimo der gedämpften Violinen schwebt das ätherische Liebesmotiv der Aida aus dem Graben hoch hinauf in die Ränge der Semperoper: ein metrisch instabiles, unendlich einsames und beinahe körperloses Sehnen und Hoffen, fragil und vergeblich wie die Utopie einer...
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