Tugend ohne Gott
Der Essay ist schon etwas in die Jahre gekommen, von seiner Aktualität aber hat er nichts eingebüßt. 1965 war es, als Susan Sontag sich in ihrem Text «Gegen Interpretation» mit der Frage beschäftigte, welchen Wert die Kunst habe (haben solle, ja, haben müsse) und was sie auszurichten imstande sei. Neben vielen anderen klugen, hegelianisch-dialektisch geschärften Gedanken findet sich darin ein Satz, der zeitlos schön zum Ausdruck bringt, worin der tiefere Sinn von Kunst bestehen könne: «Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen.
» Damit ist eine Qualität von Kunst beschrieben, die über das rein Hermeneutische (das von Susan Sontag ohnehin sehr kritisch beäugt wird, weil es die Kategorie der sinnlichen, also rein ästhetischen und erotischen Überwältigung ausschließt) hinausreicht. Nach Ansicht der US-amerikanischen Publizistin und Kulturkritikerin liegt der höchste und befreiendste Wert in der Kunst in ihrer Transparenz. Damit meint Sontag die «Leuchtkraft des Gegenstandes selbst, der Dinge in ihrem Sosein».
Sosein beschreibt seit den alten Griechen zugleich die Fähigkeit zur Mimesis, zur Nachahmung der Wirklichkeit (wobei nie ganz klar war und ist, woraus genau diese ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Aufführungen des Jahres, Seite 50
von Virginie Germstein
Søren Kierkegaard könnte helfen. In seinem Traktat «Die Wiederholung» bat er seine Leserinnen und Leser fast inständig darum, nicht an Dingen zu verzweifeln, die immer wieder aufs Neue vor ihnen stünden und sie an die Vergänglichkeit des Seins erinnerten. Man müsse, so der dänische Philosoph, Prosaist und dialektisch begabte, evangelisch-lutherische Theologe (dem...
Es sind zwei Bühnenwerke jüdischer Komponisten, die in jüngerer Zeit auf die Spielpläne der Opernhäuser (zurück-)drängen: Fromental Halévys «La Juive» aus dem Jahr 1835 und die 1968 vollendete «Passashirka» («Die Passagierin») von Mieczysław Weinberg. Beide Werke stellen Auseinandersetzungen mit christlichem Antijudaismus und rassistischem Antisemitismus und dem...
Die Erinnerung ist ein seltsames Tier. Manchmal, meist in der Nacht, steht sie fauchend und zähnefletschend vor mir, so als wolle sie mich gleich zerreißen; das sind die Augenblicke, in denen ich mich, in Schweiß badend, vor ihr fürchte. Manchmal ist sie hingegen wie eine sprießende Blume, und plötzlich sieht die Welt um mich herum so unfassbar schön aus; das sind...
