Triumph der Empfindsamkeit
Das höchste Lob für Irmgard Seefried stammte aus dem Mund von Elisabeth Schwarzkopf: «Wir alle beneideten sie, dass alles, was wir uns mühselig erarbeiten mussten, bei ihr so natürlich und selbstverständlich wirkte. Sie verstand es, mit dem Herzen zu singen.» Kühle Perfektion, Schönheit als Selbstzweck waren nie ihre Sache. Ein Star wollte sie nicht sein.
Seefried bezauberte ihr Publikum durch die unverwechselbare Individualität ihrer warmen, blühenden Stimme – natürliche Innigkeit, emotionale Spontaneität und eine bedingungslose Hingabe, bei der sie sich mit dem berückenden Charme ihres Singens, dem silbernen Klang ihres Tons und einer lebendigen Deklamation in jede Bühnenrolle stürzte, von jedem einzelnen Lied Besitz ergriff. Die Grenzen schienen weit gesteckt – einerseits die trunkene Feierlichkeit, mit der der Komponist in Richard Strauss’ «Ariadne auf Naxos» Musik als eine «heilige Kunst» verherrlicht, andererseits die scheinbar naiven und doch mit höchster Kunstfertigkeit, ja Reflexion vorgetragenen Volkslieder von Brahms, in denen sich ein gleichsam kollektives Ich ausspricht.
Die ganze Seefried ist es nicht, der wir jetzt auf den 20 CDs einer ihr gewidmeten Edition ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Uwe Schweikert
Nach wie vor unter die Rubrik «Geheimtipp» fällt die Musik Nikolai Medtners. Das erstaunt, denn einem Erfolg seiner Werke beim Publikum sollte eigentlich nichts entgegenstehen: Gut zugänglich ist die Klangwelt des 1880 in Moskau geborenen und 1951 in London gestorbenen Pianisten und Komponisten, kraftvoll und sicher gearbeitet ist seine Musik, reich an Melodien und...
Wie sich die Bilder gleichen. Wenn sich im Jugendstiljuwel des Lübecker Theaters Karola Sophia Schmid als Sophie und Frederike Schulten als Octavian mit einer nachgerade huldvollen Verbeugung jenem aromatisch aphrodisierenden Gewächs (und damit erstmals auch einander) zuwenden, scheint in der Neuinszenierung jene ikonisch gewordene Rosenüberreichung erneut auf, die...
Die Klage eines der Überlebenden ist beredt: «Wir wurden zur störenden Erinnerung.» Augen zu, wegschieben, verdrängen fällt eben so viel leichter als erklären, durchdringen und bewältigen. Doch Letzteres funktioniert nicht, wenn zehn Jahre nach dem schrecklichen Vorfall plötzlich alles wieder präsent ist. In einer Familie, die Normalität spielt, so unbeirrt wie...
