Traurige Zeiten

Catalani: La Wally
WIEN | THEATER AN DER WIEN

Opernwelt - Logo

Wie sich die Zeiten doch ändern: Als 1835 Karl von Gutzkows Roman «Wally, die Zweiflerin» erschien, ging nicht nur ein weithin hörbares Raunen durch den deutschen Blätterwald, der Autor landete für seine angeblich blasphemische und (aufgrund einer Nacktszene in der Hochzeitsnacht) als pornografisch inkriminierte Fiktion sogar im Gefängnis und wurde mit einem Publikationsverbot belegt. Der Vormärz war zwar revolutionär gesinnt, in seinen restaurativen Teilen aber ziemlich prüde.

Wilhelmine von Hillern hatte es da knapp 40 Jahre und eineinhalb Revolutionen später schon leichter: Ihre «Geier-Wally» von 1873 geriet zwar in vielen Passagen ziemlich trivial, doch weder musste die Schriftstellerin dafür hinter schwedische Gardinen wandern, noch versuchte irgendjemand, sie fürderhin vom Schreiben abzuhalten. Ganz im Gegenteil: Der Roman wurde zum Kultobjekt, und seine Titelheldin besaß mit einem Schlag das Talent zur klingenden wie visuellen Adaption.

Über die genretypischen Wally-Heimatfilme hier kein Wort. Wer sie schauen will, soll es tun und sich daran delektieren. Über das Dramma lirico von Alfredo Catalani (es war, ein Jahr vor seinem überraschenden Tod, das gelungenste seiner ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
«Gwaldže brider wos shloft ir?»

Simon Laks wurde am 1. November 1901 in Warschau geboren. Am selben Tag wie der bedeutende Musikwissenschaftler Hans Heinz Stuckenschmidt, der am 1. November 1901 in Strasbourg das noch recht optimistisch leuchtende Licht der Welt erblickte. Stuckenschmidt verbat man bereits 1934 das Schreiben und Publizieren, hatte er sich doch nachhaltig für jüdische Musikerinnen...

Love Island

Einen erstaunlichen Reichtum an Musiktheaterperlen zog Ludovico Ariostos Anfang des 16. Jahrhunderts in Norditalien entstandenes Versepos vom «rasenden Roland» nach sich. Man braucht dazu gar nicht alle Komponistinnen und Komponisten aufzählen, die im Barock aus Teilen der Storys um die – doch ziemlich ähnlichen – Zauberinnen Armida (Torquato Tasso: «La Gerusalemme...

Boulevard solitude

In seinem gereimten Traktat über die Einsamkeit bespielt Wilhelm Busch virtuos die Bühne sarkastischen Humors – und sucht etwa mit Augenzwinkern zu beglaubigen, dass der Einsame es guthabe, da ihn «in seinem Lustrevier kein Mensch, kein Tier und kein Klavier» störe. Und dass sich, «abgeseh’n vom Steuerzahlen, das Glück nicht schöner malen» ließe. Am anderen Ende...