Trauerspiel mit Ansage
«Alles was du bist, bist du nur durch Verträge.
» Sich an diese Warnung, von Fasolt an Wotan gerichtet, vor dem Abschluss von langfristigen Vereinbarungen mit Künstlern zu erinnern, ist ratsam – gerade bei Sängern, bei denen die Nornen-Frage zu stellen ist: «Weißt du, wie das wird?» Vor sieben Jahren kündigte die Deutsche Grammophon Gesellschaft die Aufnahme der großen Opern Mozarts in Mitschnitten von Aufführungen aus dem Festspielhaus in Baden-Baden an – mit Yannick Nézet-Séguin und dem Tenor Rolando Villazón, der in «Le nozze di Figaro» sogar den Part des Musiklehrers Basilio übernahm, um auf sieben Partien zu kommen. Der kanadische Dirigent hat bislang alle in ihn gesetzten Erwartungen bestätigt. Villazón indes wurde engagiert, obwohl es schon zu Beginn der Serie kaum Hoffnung gab, dass die seit 2006/07 beschädigte Stimme wie ein Phönix aus der Asche steigen könnte. Ist es Mut, Selbstverleugnung oder Berufung auf die Verträge, dass der Sänger im vergangenen Jahr die Titelpartie in «La clemenza di Tito» übernahm, nachdem die Stimme in den Aufnahmen der «Entführung» und von «Così fan tutte» frappierend fahl und rau geklungen hatte? Schon über Titos G-Dur-Andante «Del più sublime soglio» liegen dunkle Schatten der Heiserkeit. Den wenigen, in die zweite Oktave führenden Durchgangsnoten, am weichen Gaumen gebildet, fehlt jede tenorale Farbe. Im D-Dur-Allegro «Ah, se fosse intorno al trono» kämpft Villazón angestrengt um heroischen Ausdruck, in «Se all’impero» gegen die Sechzehntel-Koloraturketten. ...
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Opernwelt September/Oktober 2018
Rubrik: Magazin, Seite 92
von Jürgen Kesting
Was hat der Gentleman im Dschungel zu tun?», heißt einer der Schlager aus Paul Abrahams «Blume von Hawaii». Wobei die Frage in Bad Ischl genauso gut lauten könnte: Was hat die kulturgeschichtlich eher dem Berliner Raum zugeordnete Revueoperette bei den Operettenfestspielen im österreichischen Kurort mit k.u.k.-Vergangenheit zu suchen? Die Antwort: In diesem Jahr...
Der Mann mit der hohen Stirn, der wie bestellt und nicht abgeholt vor einem leeren Geschäftsportal sitzt, an einem Sonntagmorgen in einer menschenleeren Straße (vielleicht im New Yorker Greenwich Village) – ja, irgendwie könnte es auch Hanns Eisler sein. Freilich, Edward Hoppers Gemälde «Sunday» entstand bereits 1926, zwölf Jahre vor Eislers Ankunft in New York....
Der 19. August 1945 war für Leo Borchard ein besonderes Datum. Und das lag nicht nur daran, dass er an diesem Tag im Titania-Palast an der Spitze «seiner» Berliner Philharmoniker stand, sondern, weit mehr noch, am Programm des Konzertabends. Vor der Pause dirigierte Borchard Beethovens Erste und Strauss’ «Don Juan», im zweiten Teil lag die Partitur eines seiner...
