Trauer, ohne Sentimentalität
Am 8. März dieses Jahres ist der Komponist und Dirigent Michael Gielen gestorben – einer der scharfsinnigsten Musikpraktiker unserer Zeit. Was immer er anpackte, stets ging es ihm um das (unvollendete) Projekt der Moderne. Als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt setzte Gielen ein neues, an der Gegenwart orientiertes Musiktheater durch – gemeinsam mit Operndirektor Christof Bitter und dem Chefdramaturgen Klaus Zehelein.
Persönliche Erinnerungen an einen Künstlerdenker, der sich zeitlebens Aufklärung und Avantgarde verpflichtet fühlte und das Risiko als einzige Konstante der Theaterarbeit begriff
Vor über 40 Jahren schrieb Michael Gielen, was als Credo seiner künstlerischen Arbeit gelesen werden kann, als Ansatz unserer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Oper Frankfurt, die von 1977 bis 1987 währte: «Nur Kompromisslosigkeit in der Behandlung des historisch gewachsenen Materials garantiert Authentizität, wahre Reflexion des historischen Moments; der technische Stand ist der geistige. Beethoven, Berlioz, Wagner, Mahler, Schönberg waren die avanciertesten Komponisten ihrer Zeit und zugleich die, welche die Konflikte der Gesellschaft und des Individuums ihrer Zeit am ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Essay, Seite 56
von Klaus Zehelein
Sommer 1809: Ganz Europa ist von Napoleon besetzt. Französische Truppen stehen in Dresden und Warschau, Triest und Hamburg. Marionetten aus Bonapartes Verwandtschaft regieren in Madrid, Kassel und Neapel. Ganz Europa? Nein, in Parma hält ein Graf Scotti Hof, als sei das Ancien Régime nie untergegangen. Bei dem in der Heimat weilenden Ferdinando Paer bestellt er...
Am Ende, als die Kinder erdolcht sind, das Feuer erloschen, steht sie wieder alleine da: die Ausgestoßene. Selten war das Schwarz der Hinterbühne so erbarmungslos und leer wie in den letzten Takten dieser «Medea» am Essener Aalto-Theater: «Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.»
Die antike Sage erzählt von der Flucht Jasons und Medeas, des griechischen...
Ein niedliches Dorf nistet zwischen grünen Hügeln, die Häuschen dicht an die Kirche geschmiegt. In Anthony McDonalds «Werther»-Inszenierung sorgt der durchscheinende Prospekt im Portal vor jedem Aktbeginn für Kontext: ein Ort so wohlgeordnet, so hell und überschaubar, dass heimliche Liebe unmöglich ungesehen bleiben kann. In dieses Bild wird das Haus des Amtmanns...
