Tragödie aus Feuer und Licht
In einem Darmstädter Vortrag von 1961 dachte Theodor W. Adorno darüber nach, was künstlerische Utopie bedeutet. Seine Antwort: «Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.» Das konnte, über alle Sentenzhaftigkeit hinaus, konkret auf die Nachkriegs- und Wirtschaftswunderjahre bezogen werden. Und es hatte weitreichende Folgen. In der Oper bedeutete der viel zitierte Spruch beispielsweise einen Einspruch: Komponisten, die sich einfach ein Schauspiel aus dem Bücherregal greifen und es in Musik setzen, seien kaum ernst zu nehmen. Nicht zukunftsträchtig, hieß das Verdikt.
Weil da mit vorgestanzten Mitteln nur etwas bereits Vorhandenes bedient werde. Weil das ohnehin nur auf eine Verdoppelung hinauslaufe, auf Verflachung und Vampyrismus. Adorno wusste, wovon er sprach: Allein zwischen Ende 1945 und 1950 fanden im deutschsprachigen Raum über hundert Ur- und Erstaufführungen statt, die auf Weltliteratur zurückgriffen. Auch die folgenden Jahre waren voll davon. Was natürlich kein Zufall ist. Gerade im besiegten, nach Identität suchenden Deutschland der Adenauer-Jahre verlangten die Menschen nach festen, unzerstörbaren Werten. Literatur als Oper wärmte die Herzen und füllte die ...
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Christoph Schlingensief war ein Passions-Künstler und Ritual-Verweser. Vieles bei ihm kam aus Wagners Opernwelt – und führte wieder in diese zurück: Das Gesamtkunstwerk wird globalisiert und lokalisiert zugleich, das gilt für Bayreuths Grünen Hügel wie für die Grünen Hügel Afrikas. Schlingensiefs Tod zwingt erneut zum Nachdenken über Kunst und Leben.
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