Tiefgefroren, aufgetaut
Robert Wilsons Anhänger beteuern gern, dass der Regisseur in den Opern, die er inszeniere, Tiefenschichten freilege und aktuelle Themen entdecke. Man könnte aber auch sagen, dass der Texaner in seinen Bildern alles bis zum Gefrierpunkt herunterkühlt in seinem Streben nach ritueller Ungerührtheit, wie sie der griechischen Tragödie eigen war – und der Liturgie der orthodoxen Ostkirchen heute noch ist. Fraglos noble Vorbilder, wie auch das japanische Nô-Theater oder der indische Kathak-Tanz – Genres, in denen Stil- und Formaspekte im Vordergrund stehen.
Ob Wilson «Parsifal» auf die Bühne bringt oder «Aida», Glucks «Orfeo» oder dessen von Monteverdi geschaffenen Vorläufer: Ein Wilson gleicht dem anderen, so wie eine Messe der anderen gleicht, sieht man von lokalen Spezifika wie der Sprache des gesungenen Textes oder den Farben der ihn begleitenden Musik ab.
Für diese Uniformität ist auch Wilsons aktuelle Inszenierung von «Il ritorno d’Ulisse in patria» ein Beispiel, Mittelstück einer Monteverdi/Wilson-Trilogie, die die Scala zwischen 2009 und 2013 angesetzt hat – weder Re- noch Dekonstruktion des Klassischen, vielmehr dessen Einbalsamierung, als werde es in einem noblen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2011
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Carlo Vitali
Gerade mal zehn Jahre gibt es das Festival Pergolesi Spontini in Jesi und Umgebung. Kurz zuvor war eine gleichnamige Stiftung gegründet worden, um das Werk von Giovanni Battista Pergolesi und Gaspare Spontini zu befördern. Jährlicher Höhepunkt der Aktivitäten sollte das Festival mit professionell produzierten Aufführungen von Stücken des 1710 in Jesi geborenen und...
Seinen Namen konnten die Italiener nicht aussprechen. Deshalb nannten sie Josef Myslivecek «Il divino Boemo» (Der göttliche Böhme). In Italien war der tschechische Müllersohn zwischen 1764, als er mit seinem Opernerstling «Medea» enormen Erfolg hatte, bis zu seinem Tod 1781 einer der wichtigsten Opernkomponisten. Man liebte vor allem seine melodische...
Der Herr möge ihn, so klagte Fritz Kortner, vor Regisseuren mit Einfällen verschonen. Bei Mozarts «Don Giovanni», der ersten Premiere der neuen Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper, hat Doris Dörrie das Publikum mit Einfällen – gewiss mehr als mille e tre – nicht verschont und dazu mit pseudo-tiefsinnigen Überlegungen konfrontiert, die letztlich uralt sind:...
