Parcours der Plattitüden
Der Herr möge ihn, so klagte Fritz Kortner, vor Regisseuren mit Einfällen verschonen. Bei Mozarts «Don Giovanni», der ersten Premiere der neuen Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper, hat Doris Dörrie das Publikum mit Einfällen – gewiss mehr als mille e tre – nicht verschont und dazu mit pseudo-tiefsinnigen Überlegungen konfrontiert, die letztlich uralt sind: dass Giovanni ein «blinder Fleck» sei, ein «im Grunde genommen ziemlich langweiliger Kerl». Im Libretto wie in der Musik gebe es nichts, was darauf hindeute, dass dieser Giovanni mehr sein könnte als eine Katastrophe.
Schon bevor sie nach der Aufführung mit trotziger Lach-den-Protest-weg-Pose in ein Kurzgewitter von Buh-Rufen trat, hatte Simone Young zu Beginn des zweiten Aktes lautstarkes Missfallen über sich ergehen lassen müssen. Es galt zum einen der Intendantin, die mit der Wahl ihrer Regisseure bislang wenig Fortüne zeigte, zum anderen aber auch der Dirigentin an der Spitze eines spröde, dynamisch grob musizierenden Orchesters und eines wenig homogenen Ensembles.
Wenn sich nach dem lärmig hingeworfenen d-Moll-Akkord der Hörner, Trompeten, Pauke und schrillen Flöten der Vorhang öffnet, wandert unter dunkel-dräuendem ...
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Opernwelt November 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Kesting
Der Zwangseintritt in ein Kloster war im 18. Jahrhundert das Los vieler «überzähliger» Töchter, für die ihre Familien keine Mitgift aufbringen konnten (oder wollten). Die Konvente waren voll von Frauen, die dort ohne jede geistliche Berufung ihr Leben quasi in Haft verbrachten. Der viel kritisierte Materialismus der Manon hat also eine nachvollziehbare Ursache: Er...
«Glaubensbekenntnisse im 21. Jahrhundert» nennt die Berliner Off-Theatertruppe Nico and the Navigators ihre neue, vom Kunstfest Weimar in Auftrag gegebene Kreation – ein «Oratorium als Bildertheater» nach Gioachino Rossinis «Petite Messe solennelle». Die Mixtur aus Gesang, Schauspiel, Tanz, Slapstick und Tragikomödiantik kann selbst ein lateinisch-katholisches...
Dass der berühmte Kastrat Carlo Broschi, genannt Farinelli, auch komponiert hat, ist seit Langem bekannt. Franz Haböck, der Pionier unter den Erforschern der Sängerkastraten, gab bereits 1923 einen Band mit Arien heraus, die zum Repertoire Farinellis gehörten, darunter auch acht Stücke, die er dem Sänger zuschrieb. Nicht für alle Werke ließ sich diese Zuweisung...
