Tiefer als der Tag gedacht

CD des Monats: Florian Boesch und Malcolm Martineau bringen Johannes Brahms und Hugo Wolf einander näher

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Die beiden Herren, um es mal sehr vorsichtig zu sagen, mochten einander nicht. Zu unterschiedlich waren die Naturelle von Johannes Brahms und Hugo Wolf, wobei wohl niemandem entgehen konnte, dass dem Älteren von ihnen bei aller Melancholie zugleich eine hedonistische Lebenszugewandtheit eignete, während der Jüngere schon recht früh von einer Lebensmüdigkeit gezeichnet wurde, die zudem Züge des Wahns barg. Was man in zahllosen Liedern dieses genialisch veranlagten Komponisten auch deutlich hören kann.

Der Bariton Florian Boesch und sein Partner, der Liedbegleiter Malcolm Martineau, führen die Kontrahenten auf ihrem Album nun in gewisser Weise wieder zusammen. Allerdings ist die Auswahl der Wolf’schen Lieder naturgemäß von viel Schatten geprägt, während im Fall von Brahms neben einem tiefen Ernst, zumal in den so bezeichneten vier Gesängen, auch das Unbekümmert-Volksliedhafte seinen Platz findet. So etwa im Uhland-Lied «Sonntag», das von einer schlichten, stillvergnügten Heiterkeit durchsetzt ist, die man bei Brahms eher selten antrifft. Oder im gleich darauffolgenden Stück «Blinde Kuh» auf fast schon maliziös grinsende Verse von August Kopisch, in denen sich den flinken Fingern Martineaus eine nahezu perfekte Artikulation bei Boesch hinzugesellt. Was schon in einem solchen Schmankerl deutlich zutage tritt: Das gesamte «Denken» dieses Sängers fußt auf der Idee des prima le parole; die Stimme führt nur aus, was der Text besagt. Dabei gebietet Boesch über eine Vielzahl an dynamischen wie klangfarblichen Nuancen: In der Höhe klingt sein Bariton fast tenoral hell, leicht, zudem sanft und lieblich, in der Mittellage wohnt ihm satte Sonorität inne, in der Tiefe fühlt man sich manchmal so, als würde man ihn bei einer Reise durch die Unterwelt begleiten, derart düster-dräuend klingt die Stimme hier. Vor allem für den erhabenen Tonfall der «Vier Ernsten Gesänge», die Brahms 1896 schrieb in Vorahnung von Clara Schumanns Tod und ein Jahr, bevor er selbst starb, ist Boeschs Bariton wie gemacht. Sie besitzt den nötigen «Tiefgang» und die deklamatorische Würde, nach denen diese Bibelvertonungen verlangen. Die Phrasierung ist perfekt, jede «Linie» weitgespannt; was aber dieser Interpretation zusätzlichen Glanz verleiht, ist das agogische Feingefühl dieses Sängers (und seines Pianisten) sowie eine hochgradig präzise Textausdeutung. Wenn im zweiten Gesang von jenen Wesen das Wort geht, «die schon gestorben waren», verschattet sich die dunkle Stimme zu einer schauderhaft-grabestiefen Nachtschwärze. Wie penibel genau Boesch den Text «liest», zeigt sich gleich danach, bei «mehr als die Lebenden»: Diese Passage singt er nurmehr im Flüsterton, so als wolle er die Toten nicht erschrecken. Damit bereitet Boesch den Boden für die Wolf-Lieder. Sämtliche sind sie von einer Tristesse und Trostlosigkeit, wie sie nur einer in Töne setzen konnte, dem das Leben immer ein bisschen zu viel war. Bereits in den drei «Harfenspieler»-Stücken auf Texte von Goethe wird der enorme Schmerz mit schonungsloser Brutalität evoziert: Beim Vers «So überschleicht bei Tag und Nacht / Mich Einsamen die Pein» kennt auch Boesch kein Erbarmen und schleudert das Wort «Pein» mit einer solchen Vehemenz heraus, dass man nur eine Vermutung haben kann: Hugo Wolf war ein Verdammter – und, horcht man weiter in seine von Goethe «initiierte» Seelenschau, ein Verlöschender, der nur noch einen Wunsch hatte: «einsam im Grabe sein»…

Nicht nur in diesen Liedern waltet beim Gespann Boesch/Martineau ein Klangsensualismus von hohen Gnaden und gewinnt noch das geringste Wort Gewicht, weil es mit einer individuellen Farbe «ausgestattet» wird. So werden auch jene schizophrenen Zerreißproben hörbar, denen Wolf ausgesetzt war, so etwa in dem Lied «Wohl denk ich oft». Mutet dieser Liebestraum anfangs noch an wie das Selbstbildnis eines einsamen Schwärmers («Ich dachte wohl, ganz dem Gesang zu leben, / Auch mich zu flüchten aus der Menschen Schar»), kippt die Stimmung plötzlich um und evoziert das Bild eines zornzerfressenen Subjekts. Die Kraft, mit der Florian Boesch den letzten Vers mehr schreit als singt, könnte Mauern sprengen. Zugleich zeigt sich hier die verwundete, nun mit aller Macht aufbegehrende Seele, die Hugo Wolf zeitlebens war.

BRAHMS / WOLF: LIEDER
Florian Boesch (Bariton), Malcolm Martineau (Klavier)
LINN CKD 751 (CD); AD: 2023

VERLOSUNG Am 11. September um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55


Opernwelt September-Oktober 2025
Rubrik: Medien, Seite 61
von Jürgen Otten

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