Temporeich
Vom Märchen zur Satire ist es oft nur ein Trippelschritt: Als der russische Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold die Fabel «Die Liebe zu den drei Orangen» in die Finger bekam, ein quirliges Commedia-dell’Arte-Stück von Carlo Gozzi aus dem 18. Jahrhundert, erkannte er darin eine nachgerade perfekte Vorlage, um seine Idee vom antirealistischen Theater zu erproben.
Meyerhold spannte eine Kommentarebene um die eigentliche Märchenhandlung – eine Gruppe von Theaterbesuchern streitet, welches Genre das beste sei: Komödie oder Tragödie – und brach damit nicht nur die Illusion der Fantasiewelt auf, sondern nahm gleich den gesamten Theaterbetrieb aufs Korn.
Dem jungen Sergej Prokofjew, gerade in die USA emigriert, gefiel das. Er formte aus dem Stoff eine Oper, die sich, damit ganz im Trend der Zeit liegend, vom nachromantischen Musiktheater verabschiedete und hin beziehungsweise zurück zur Opera buffa bewegte – als Vehikel, um die Operntradition als solche zu verhohnepipeln.
Bei Anna Bernreitner, die 2022 den Götz-Friedrich-Preis für Nachwuchsförderung gewann, wird daraus ein farbenprächtiges Märchen mit satirischen Anklängen, wobei letztere nur dezent zu vernehmen sind. Nach ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2024
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Werner Kopfmüller
Jean-Marie Leclairs am 4. Oktober 1746 in der Pariser Académie royal de musique uraufgeführte Tragédie «Scylla et Glaucus» war ein schneidender Misserfolg und wurde trotz einer sofortigen Überarbeitung bereits zwei Monate später nach 18 Vorstellungen abgesetzt. Es sollte der einzige Ausflug des berühmten Geigers und Instrumentalkomponisten in die Oper bleiben. Erst...
Nachts, so heißt es, seien alle Katzen grau. Auch in einer Bibliothek. Doch manchmal huschen auch kleine Kobolde durch das Reich der Göttin Nyx, zumindest in Romanen, die «Mitternachtskinder» heißen und aus der Feder eines der größten Erzähler-Phantasten unserer Zeit stammen. Salman Rushdies Roman aus dem Jahr 1981 ist zum Verlieben schön. Aber ist es auch einer...
Waltet hier Gottes Zorn? Tatsache ist: Der finale Sturm fegt den Erzvater samt seinen beiden Erben auseinander und zwingt sie, einen Unterschlupf vor der aufbrausenden Naturgewalt zu finden. Wie gut, dass der Alte den jungen Leuten zuvor seinen stattlichen Landbesitz vermacht hatte, damit dort die Versöhnung von Palästinensern und Juden gedeihen möge. Was aber...
