Temporeich
Vom Märchen zur Satire ist es oft nur ein Trippelschritt: Als der russische Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold die Fabel «Die Liebe zu den drei Orangen» in die Finger bekam, ein quirliges Commedia-dell’Arte-Stück von Carlo Gozzi aus dem 18. Jahrhundert, erkannte er darin eine nachgerade perfekte Vorlage, um seine Idee vom antirealistischen Theater zu erproben.
Meyerhold spannte eine Kommentarebene um die eigentliche Märchenhandlung – eine Gruppe von Theaterbesuchern streitet, welches Genre das beste sei: Komödie oder Tragödie – und brach damit nicht nur die Illusion der Fantasiewelt auf, sondern nahm gleich den gesamten Theaterbetrieb aufs Korn.
Dem jungen Sergej Prokofjew, gerade in die USA emigriert, gefiel das. Er formte aus dem Stoff eine Oper, die sich, damit ganz im Trend der Zeit liegend, vom nachromantischen Musiktheater verabschiedete und hin beziehungsweise zurück zur Opera buffa bewegte – als Vehikel, um die Operntradition als solche zu verhohnepipeln.
Bei Anna Bernreitner, die 2022 den Götz-Friedrich-Preis für Nachwuchsförderung gewann, wird daraus ein farbenprächtiges Märchen mit satirischen Anklängen, wobei letztere nur dezent zu vernehmen sind. Nach ...
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Werner Kopfmüller
Selbst gewiefte Kenner der «Winterreise» dürften Schuberts Liedzyklus wohl noch nie so abgrundtief pessimistisch erlebt haben wie in der Neuaufnahme des französischen Tenors Cyrille Dubois. Am Ende seiner Tour d’horizon durch das eigene Ich erwartet den Protagonisten dieser «schauerlichen» Lieder, wie Schubert sie selbst bezeichnet haben soll, bei Dubois das blanke...
Eigentlich hatte Rossini sich bereits von der Opera buffa distanziert, um sich in Frankreich am ernsteren Fach zu erproben, als er mit «Il viaggio a Reims» 1825 doch noch einmal eine Buffa für das Pariser Théâtre-Italien komponierte. Das Werk ist eine veritable Krönungsoper, geschrieben zur Inthronisierung König Karls X. von Frankreich, der nur fünf Jahre später...
Irgendwann treibt es sie fast alle dahin, die im deutsch-lyrischen Fach sozialisierten Taminos und Belmontes. Als ob der Lohengrin eine natürliche Karrierefolge wäre, so trudeln früh die Angebote ein für den angeblich «italienischsten» aller Wagner-Helden. Daniel Behle hat den Gralsritter seit einiger Zeit im Repertoire und ihn zuletzt in Amsterdam (sehr gut)...
