Tanz in den Abgrund
Wer einen der populärsten Zeitromane der Weltliteratur vertont, hat einen Riesenvorteil: Jeder kennt den Stoff. Gerade bei zeitgenössischer Musik senkt das manche Schwelle. Mit dem Vorteil kommt aber auch ein Riesenproblem. Es bringt nämlich auch jeder eine ganz persönliche Vorstellung davon mit, welche Gestalt das Ganze annehmen sollte – und ist dann enttäuscht von der konkreten Umsetzung.
Das macht sich auch an der Semperoper bemerkbar, die jetzt als erstes europäisches Haus John Harbisons «The Great Gatsby» herausgebracht hat, einen 1999 für die New Yorker Met entstandenen Zweiakter (siehe OW 2/2000). Im ungewöhnlich jungen Publikum glänzt Mode im Zwanzigerjahre-Stil, schillern Wasserwellen: Fitzgerald-Fans und Mitglieder der Swing-Szene geben sich vor Beginn erwartungsfroh – in der Pause aber schon weniger beschwingt. «Mit dem Roman kann das nicht mithalten», hört man sie raunen.
Als der Komponist sich an die Arbeit machte, wollte er aus Furcht vor ebensolchen Reaktionen gewisse Schlüsselstellen einfach unter den Tisch fallen lassen. Das redete man ihm aus: Auf geflügelte Worte wie «Her voice is full of money» warten die Leute eben! Harbison rang sich dazu durch, den Satz zu ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Wiebke Roloff
Einen Liederzyklus von Franz Schubert mit dem Titel «Poetisches Tagebuch» gibt es nicht, wohl aber neun Einzellieder auf Texte des jung verstorbenen romantischen Dichters Ernst Schulze, die Schubert der posthumen Ausgabe von dessen «Poetischen Tagebuch» entnahm. Nur zwei dieser Lieder hat Schubert zu einem Liederheft mit eigener Opuszahl zusammengefasst, darunter...
Schon die Zeitgenossen des Komponisten hatten mit diesem als «große romantische Oper» annoncierten Werk ihre liebe Not. Nicht, dass die Musik der 1823 am Wiener Kärntnertortheater uraufgeführten «Euryanthe» enttäuscht hätte. Der Dreiakter bietet attraktives, anspruchsvolles Material für die Solisten wie für das Orchester. Aber war das, was Carl Maria von Weber da...
Nicht selten kommt man durch etwas ganz anderes ins Gerede als durch sein eigentliches Talent. Als Beispiel sei der Stinkefinger des Fußballers Stefan Effenberg erwähnt. So etwas wie einen visuellen Stinkefinger hat man auch dem russischen Bariton Evgeny Nikitin untergeschoben, in Form einer Swastika, die er sich als Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Rockband auf die...
