Szenische Kontrapunktik
Ein Kamin in der Villa Wahnfried, auf dem Sims ein Bild des alten Abbé Liszt, made by Hanfstaengl. Im Fauteuil davor ein smarter Herr im Freizeithemd, entspannt, doch konzentriert seinen Gesprächspartnern lauschend, auf den ersten Blick eher Technokrat denn Künstler. Es ist ein Foto anlässlich des berühmten «Spiegel»-Interviews aus dem Jahre 1967, in dem Pierre Boulez sein Unbehagen am Zustand des zeitgenössischen Musiktheaters zum legendären Imperativ «Sprengt die Opernhäuser in die Luft» schärfte.
Vierzig Jahre später stehen die Häuser noch, und Boulez selbst steht im Graben eines der ältesten existierenden, des Theaters an der Wien. Die gelegentlichen Handkantenschläge, mit denen der nunmehr 82-Jährige die Luft zerteilt, gelten nicht dem Phänomen Oper, sondern sind schlagkräftige Argumente für die Musik zu «Aus einem Totenhaus» – für Leos Janáceks vielleicht beste, sicherlich visionärste Partitur. Boulez hat sein Argument von 1967, nach Bergs «Wozzeck» und «Lulu» sei «keine diskutable Oper mehr komponiert worden», im Übrigen nie zurückgenommen. Doch Janáceks «Totenhaus», von dessen «primitiver Kraft» er so beeindruckt ist, klingt unter seinen Händen, mit dem brillanten ...
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Von Beginn an ist die Tragödie unausweichlich. Die Doubles von Luisa und Rodolfo liegen bereits tot am Boden. Der schwarz gewandete Chor: eine Trauergemeinde an einem imaginären offenen Grab. Am Ende fast dasselbe Bild, nur dass jetzt die vergiftete junge Frau ihr nahes Ende antizipiert, sich selbst die Augen schließt und ihrem Double die Arme über der Brust...
In der Operette «Wiener Blut», deren Musik nach Stücken von Johann Strauß zusammengeschustert wurde, geht es um das, was der Titel verspricht: «Wienerblut, eigner Saft, voller Kraft, voller Glut». Damit richtig deutlich werden kann, was damit gemeint ist, bedarf es eines Kontrastes, eines Blutes gewissermaßen, das ganz und gar nicht wienerisch ist und in Wien...
An couleur locale wird in diesem «Cardillac» nicht gespart: Kaum eine Gelegenheit lässt die Produktion der Bastille-Oper aus, um daran zu erinnern, dass Paul Hindemiths 1926 uraufgeführte Krimi-Oper nach Hoffmanns «Fräulein von Scuderi» in Paris spielt. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf den Eiffelturm, und die Ergreifung des mörderischen Goldschmieds im...
