Surreales Zwischenreich
Als Christoph Marthaler 1994 in Frankfurt Debussys «Pelléas et Mélisande» inszenierte, meinte er zu Recht, Natur liege so tief in dieser Musik, dass man sie nicht verdoppelnd auf die Bühne bringen sollte, das Stück würde sich sonst auflösen. Daher reagiert man zunächst skeptisch, wenn zu Beginn von Laurent Pellys Produktion des Werks am Theater an der Wien genau jener Wald sich auftut, aus dem Golaud nicht mehr herausfindet. Doch ist es nicht nur ein sehr kahles, abstraktes Gehölz mit wie vom sauren Regen entlaubten Bäumen.
Die furnierten Sockel, aus denen die Stämme ragen, suggerieren vielmehr ein Mobiliar, und der auf der Drehbühne montierte Bühnenraum von Chantal Thomas entpuppt sich als ein surreales Zwischenreich zwischen Innen- und Außenwelt, wie es André Breton einmal von Max Ernst gefordert hat. Das Dekor erinnert konzeptuell auch irgendwie an Ernsts Collagen, etwa an «L’eau», wo der Ozean im bürgerlichen Salon sich wellt; hier düstert stattdessen der Wald.
Ebbe und Flut von fragilem Traumleben und krudem Realismus beherrschen «Pelléas»; mythische Figuren agieren in einem Alltagsdrama, «dem gerade jene mythische Qualität zu fehlen scheint» (Pierre Boulez). Hinzu kommt das ...
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