Suche nach einer verloren geglaubten Zeit
«Darf ich das signieren?» Was für eine Frage. Aber natürlich. Wir bitten sogar darum. Wer weiß, wann wir Margarita Marinova noch mal treffen. In ihrem «Archiv», einem winzigen, über und über mit Aufführungsplakaten dekorierten Raum im zweiten Stockwerk des Plattenbaus gleich hinter der Oper. Einem unwirtlichen Kasten mit blinden Fenstern, verzogenen Türen und bröckelndem Beton. Im Winter ist es hier drinnen so kalt, dass man die dicke Jacke anbehalten muss. Wenn der Wind eisig durch die Ritzen pfeift.
Wenn wieder einmal die alte Heizung ausfällt, weil sie schlapp macht oder weil kein Geld mehr da war, um die letzte Rechnung zu bezahlen. Geprobt, geschneidert, geschweißt, geschraubt und gemalt wird trotzdem das ganze Jahr. Und Margarita Marinova ist auch jeden Tag hier. Irgendwie muss der Betrieb ja weitergehen – im Haus ihres Lebens, der Narodna Opera Russe.
Schon hat sie aus dem Wust auf dem kleinen Schreibtisch einen Kugelschreiber gefischt, füllt die blassroten Vorsatzseiten einer Broschüre zum 40-jährigen Bestehen «ihrer» Oper mit einer Widmung in kyrillischen Lettern. Und erzählt ohne Punkt und Komma. Von den Anfängen 1949. Von dem Tagebuch, das sie seit Jahrzehnten über jede ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Reportage, Seite 52
von Albrecht Thiemann
Die Liebe verleiht nicht immer Flügel. Eine einzige Feder, am Ende gerötet, schwebt über dem Dichter, der, über einen Tisch gebeugt, um Worte ringt. Und auch später spickt er damit entweder sein Alter Ego oder den Bühnenboden, statt schrittweise den eigenen Sehnsüchten zu folgen. Nicht umsonst zeigt ihn Daniela Kurz am Landestheater Linz von Anfang an in zwiefacher...
Es habe keinen Tag gegeben, so hat Marcel Prawy erzählt, an dem es nicht in ihm gesungen hätte: «Glück, das mir verblieb». Und immer habe er dabei die Stimmen von Maria Jeritza und Lotte Lehmann gehört, die im Palast seiner Erinnerungen fortlebten wie die Marie in der von ihrem Witwer Paul für sie errichteten «Kirche des Gewesenen». In der Hamburger Aufführung von...
Van der Aa? Kennen wir nicht. Schreker? Nie gehört. Gluck? Mmm, da war doch was. Hat der nicht mal ein Stück für Paris geschrieben? Mit Unterwelt und so? Bis auf diese uralte Love Story gehört, was Serge Dorny zur elften Ausgabe des Frühlingsfestivals der Opéra de Lyon auftischt, wahrlich nicht zum kassensicheren Kernbestand des Repertoires. Schon gar nicht in der...
